Freitag, 30. Mai 2008

Der behinderte Arbeitsweg

Manchmal gibt es so Tage, an denen muss ich etwas merkwürdiges ausstrahlen. An diesen Tagen stürzen sich während meines Arbeitswegs Massen von besorgten und hilfsbereiten Mitbürgern auf mich. Nachbarn, die mich seit neun Jahren die kleine Seitenstraße überqueren sehen, wollen mir plötzlich bei dieser vermeintlichen Hürde helfen. 50 Meter weiter, an der Hauptstraße: Eine ältere Dame brüllt gegen das Piepen der Signal-Ampel an: "Es ist grün. Sie können gehen!" "Das tue ich doch längst, denke ich, sag es aber nicht. Während ich auf die U-Bahn-Tür zusteuere, packt mich eine grobe Hand am Arm, so fest, dass es beinah schmerzt, und versucht mich in den Wagon zu wuchten. Dass ich dabei fast das Gleichgewicht verliere und unter die Bahn zu geraten drohe, fällt dem Herrn nicht auf. Wahrscheinlich denkt er, dass das ohne seine "Hilfe" ohnedies geschehen wäre. Und dann komme ich an der U-Bahn Hamburger Straße an - gleich habe ich es geschafft, denke ich - da kommt eine junge, verwirrte Frau auf mich Zu: "Sie wollen bestimmt zum Fahrstuhl! Da müssen Sie sich umdrehen!" Und schon hab ich die nächste - diesmal schweißnasse - ungewollte Hand an meinem Arm. Ich entwinde mich dem diesmal glücklicherweise nicht so festen Griff und gehe zur Treppe. Meine Beine funktionieren nämlich noch ganz gut.

An Morgenden wie diesen brauche ich starke Nerven. Es ist nicht meine Blindheit, die mich dann behindert, sondern es sind leider meine sehenden Mitmenschen. Dabei möchte ich gar nichts gegen Hilfsbereitschaft sagen. Ich freue mich immer, wenn ich gefragt werde, ob man mir helfen könne. Und gerade in Gegenden, in denen ich mich nicht so gut auskenne oder an Tagen, an denen meine Konzentration angeschlagen ist, nehme ich dies Angebot auch sehr gern an. Ich möchte nur gefragt werden, bevor ich von wildfremden Menschen angefasst werde. Und ich wünsche mir, dass ein "Nein Danke, ich komm klar" akzeptiert wird. Komisch, dass diese Grundregeln des menschlichen Miteinanders nicht unbedingt im Umgang mit behinderten Menschen gelten.

Dienstag, 27. Mai 2008

Ohne PC

Grausam, wenn der Rechner zerfressen ist, nur noch piepst, nicht mehr hochfährt, von Viren befallen und reif fürs PC-Jenseits ist. Was nicht alles drunter leidet: Blog-Einträge werden spärlich, die Abschluss-Tabelle im Bundesliga-Tippspiel kann nicht erstellt werden, private Mails werden nicht gelesen und Online-Shopping ist auch nicht mehr drin. Der moderne Mensch - zumal wenn er blind ist - fühlt sich ohne Computer seiner Bewegungsfreiheit und Eigenständigkeit beraubt. Lange geht das nicht so weiter. Die Frage ist: Neuinvestition, gebrauchter Rechner oder den alten PC doch noch einmal retten? Ganz gleich, wie die Entscheidung ausfällt: nach ihrer Umsetzung gibt es wieder mehr Blog-Einträge.

Dienstag, 20. Mai 2008

Lernen auf der Bühne

Endlich geht es los: am Donnerstag war ich auf der ersten Theater-Probe meines Lebens. Ich nehme an einem Theater-Projekt der Kulturbühne Bugenhagen teil, bei dem blinde Laiendarsteller und sehende Profischauspieler ein gemeinsames Stück entwickeln und auf die Bühne bringen. Es geht los mit theaterpädagogischen Grundübungen: bewusstes Atmen, Körperwahrnehmung, Raum-Orientierung, kleine Szenen. Es ist spannend, gemeinsam Neuland zu betreten. Jörn - unser Probenleiter und Regisseur - gibt ruhige Übungsanweisungen. Er kennt die Welt des Theaters. Und doch lernt er bei der ersten Probe mindestens genau so viel wie die zehn Hobby-Schauspieler. Es reicht in der Arbeit mit blinden Menschen eben nicht, eine Bewegung nur vorzumachen, man muss sie so exakt wie möglich beschreiben, die geeigneten Worte finden. Richtungsangaben müssen genau sein. Gleichzeitig wirkt Jörn häufig überrascht, was wir alles mit den Ohren wahrnehmen können: den Standort von bestimmten Stühlen im Raum, den Abstand zu anderen Teilnehmern beim Umhergehen, Nuancen in der Stimme. Wenn das hier so weiter geht, können wir alle viel lernen.

Kulturbühne Bugenhagen: http://www.kbb-hamburg.de

Strunk und gut

Fleisch ist mein Gemüse. Das ist nicht nur die Lebensphilosophie eines blinden PR'lers aus Hamburg, sondern der Titel des Films, den eben dieser PR'ler in der vergangenen Woche zusammen mit seinen Freunden im Kino gesehen hat. "Fleisch ist mein gemüse" ist ein erstaunliches Phänomen. Basierend auf dem gleichnamigen Roman von Heinz Strunk, erzählt der Film von der tristen Welt des Harburgers ("die falsche Seite Hamburgs") Strunk, der zwischen seiner psychisch kranken Mutter, einem massiven Akne-Leiden, seinem musikalischen Talent als Saxophonist, dem Elend von Schützenfest-Auftritten und vollkommener Frauen-Abstinenz dahinvegetiert. Das klingt nicht sonderlich komisch. Und in der Tat bleibt einem das Lachen nicht selten im Halse stecken. Aber es gibt dennoch viel zu lachen. Der Strunk'sche Humor, den Unwissende krude nennen, ist anders, geht immer dahin, wo es weht tut, um dann noch eine Schippe drauf zu legen. Und nicht selten fragt man sich: "Was will der Künstler damit sagen?" Und doch kennen wir alle die Tristesse des Lebens, die Dumpfheit des Alltags, die Schmerzen unerfüllter Wünsche, für die Strunk einen sicheren Blick hat. Und deshalb begeistert mich der Meister immer wieder.

Schade nur, dass "Fleisch ist mein Gemüse" kein wirklicher Strunk-Film ist (im Gegensatz zu "Immer nie am Meer", der vor einigen Monaten in den Kinos lief). Zu häufig kommen die für deutsche Komödien so stereotypen Humor- und Lovestory-Versatzstücke durch, ohne dass sie in Strunk'schem Stil konsequent persifliert würden. Dennoch: wer Fan des Studio-Braun-Helden ist, wer die falsche Seite Hamburgs aus eigener Erfahrung kennt oder offen für die rustikalen Seiten des Lebens ist, der wird mit einem "Fleisch ist mein Gemüse"-Abend nichts verkehrt machen. Und allein der grandios gespielte Band-Leader Gurki ist den Kinobesuch wert: "Und denkt dran: Auch Taxis sind Autos!"

Links zum Thema

Heinz Strunk: http://www.heinzstrunk.de

Fleisch ist mein Gemüse: http://www.fleischistmeingemuese.de/

Immer nie am Meer: http://www.filmblog.ch/zurich-film-fe stival/immer-nie-am-meer-von-antonin-svoboda.html

Freitag, 16. Mai 2008

Mini-Cebit für Blinde und Sehbehinderte

Noch drei Wochen: dann ist Mini-Cebit. Die Messe im Louis-Braille-Center dreht sich rund um elektronische Hilfsmittel für Blinde und Sehbehinderte. Und es ist wirklich erstaunlich, was es alles gibt: mit RFID-Chips gespickte Stadt-Pläne, die ertastet werden können. Tippt man mit einer Art Stift auf einen bestimmten Punkt, bekommt man angesagt, welche Straße oder welches Bauwerk hier ist. Tippt man nochmal, gibt es akustische Hintergrund-Infos z. B. zum Rathaus oder einer Kirche. Mehr Eigenständigkeit verspricht auch eine Software, die es ermöglicht, mit dem Handy Texte - z. B. Speisekarten - zu fotografieren und sie sich dann von einer synthetischen Sprachausgabe sofort vorlesen zu lassen. Ein weiteres Highlight auf der Mini-Cebit: sprechende Apple-Rechner - bisher sprechen nur Windows-PC's wirklich zuverlässig und umfassend.

Dann versuch ich mal, unsere Messe in den Veranstaltungskalendern der Zeitungen und Radiostationen unterzubringen. Termine sind der 5. Juni (14.00-20.00 Uhr) und 6. Juni (9.00-16.00 Uhr). Das Louis-Braille-Center des Blinden- und Sehbehindertenvereins ist im Holsteinischen Kamp 26, in der Nähe der U2 Hamburger Straße. Es stellen rund 25 Aussteller aus ganz Deutschland aus. Die Mini-Cebit findet anlässlich des Sehbehindertentages statt.

Alle Infos (incl. Ausstellerliste): http://www.bsvh.org/news/51/37/

Sonntag, 11. Mai 2008

Zwei Hafen-Geburtstage

Hafen-Geburtstag ist eigentlich nicht so meine Welt. Zugegeben: auch ich hab mich schon mal mit Freunden durch die Menschenmassen drücken lassen, um ein Konzert zu sehen oder am Rande des alkoholisierten Treibens im Park Fiction einen Geburtstag zu feiern. Über eine Millionen Besucher auf engstem Raum, das ist trotzdem entbehrlich. Es hatte aber durchaus etwas, am Freitag Nachmittag mit der Fähre nach Övelgönne zu schippern und danach am Elbstrand zu sitzen: ständig fuhren Kreuzfahrt-, Container- und Segelschiffe an Sarah und mir vorbei. Die Hupen tönten mal hoch, mal vibrierend tief, mal kurz, mal lang. Salut-Schüsse donnerten über den Strand. Dazu schlugen die Elbwellen mal leise, mal laut ans Land. Und die Sonne rief: "Genieße das Leben!"

Noch eindringlicher tat sie dies am Samstag. Tante Trevor, Michi und ich fuhren mit dem Zug an die Ostsee. Das ist ein grandioser Vorteil, den Hamburg gegenüber vielen anderen Städten zu bieten hat: Man ist in eineinhalb Stunden am Meer. Schon als wir in Travemünde ausstiegen rochen wir die klare, leicht salzige Luft. Die Sonne strahlte auf unsere Creme-verschmierte Haut. Ein leichtes Lüftchen sorgte für Frische. An der Steilküste liefen wir nach Niendorf. Es war herrlich, dort barfuß durch den Sand zu stapfen und mit den Zehen den ersten Kälteschock am Meeresrand zu erleben. Aber nach knapp zwei Stunden Braten in der Sonne, mit der einzigen Sorge, wie rum man sich denn nun hinlegt, waren wir reif für das Meer. 16-19 Grad hat die Ostsee zurzeit. Und es war archaisch schön, das Meer auf der Haut zu spüren, unbeschwert herumzuplantschen und das Hier und Jetzt zu zelebrieren. Nur ein Mensch fehlte, dann wäre der Augenblick perfekt gewesen. Als Krönung noch ein frisches Krabbenbrötchen, einen Bummel über den Niendorfer Hafengeburtstag (nicht ganz so voll wie sein Hamburger Pendant, aber auch nicht ganz so ausgelassen), einen Spaziergang zum Timmendorfer Bahnhof und schließlich entspannt und zufrieden mit dem Zug nach Hamburg und mit zwei Flaschen Rotwein an die Alster. Als ich gegen Mitternacht nach Haus kam, war ich insgesamt gut neun Stunden unter freiem Himmel gewesen. Und ich habe den Verdacht, da gehört der Mensch auch hin.

Freitag, 9. Mai 2008

The paradoxical commandments

by Dr. Kent M. Keith People are illogical, unreasonable, and self-centered. Love them anyway. If you do good, people will accuse you of selfish ulterior motives. Do good anyway. If you are successful, you will win false friends and true enemies. Succeed anyway. The good you do today will be forgotten tomorrow. Do good anyway. Honesty and frankness make you vulnerable. Be honest and frank anyway. The biggest men and women with the biggest ideas can be shot down by the smallest men and women with the smallest minds. Think big anyway. People favor underdogs but follow only top dogs. Fight for a few underdogs anyway. What you spend years building may be destroyed overnight. Build anyway. People really need help but may attack you if you do help them. Help people anyway. Give the world the best you have and you'll get kicked in the teeth. Give the world the best you have anyway. Quelle: http://www.paradoxicalcommandments.com ...Wenn das keine Philosophie für gelungene PR ist... (danke an Christian Anderegg für diesen Text-Hinweis)

Dienstag, 6. Mai 2008

Marburg, ein erster Eindruck

Es sind zweieinhalb Monate um, und ich bin wieder zu einer Schulung in Frankfurt. Davor: eine überraschende Einladung nach Marburg. Ein sonniges Frühlingswochenende mit einer Tretboot-Fahrt auf und einem wunderbaren Spaziergang an der Lahn, einem für norddeutsche Beine bemerkenswerten Aufstieg in die kopfsteingepflasterte, lebendige und dennoch ruhige Oberstadt. Auf dem Marktplatz gab's noch einen amtlichen Fleischkäse im Brötchen. Ich liebe die Atmosphäre auf Märkten: der schnelle Wechsel der Düfte, das geschäftige Stimmen-Gewirr von Kunden und Verkäufern.

Eigentlich erstaunlich, dass ich erst jetzt einmal Marburg besuche. Die Stadt gilt als das deutsche Mekka der Blinden. Mit sieben Jahren hatte ich zum erstenmal das Wort Marburg gehört. Damals befürchteten meine Eltern, dass ich nach Hessen müsste, um als blindes Kind in die Schule gehen zu können. Und in der Tat war Marburg über Jahrzehnte die einzige Stadt in der Bundesrepublik, in der blinde Menschen Abitur machen konnten: auf der heutigen Carl-Strehl-Schule. Ich bin aber damals nach Hamburg gekommen, wo ich integrativ auch mein Abi machen konnte. Bedingt durch die Schule studieren auch überdurchschnittlich viele blinde Menschen in Marburg. Hier sitzen der Deutsche Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf sowie die Blindenstudienanstalt. Menschen mit Blindenstock gehören zum Straßenbild, alle Ampeln sind Signal-Ampeln, die Verkäufer scheinen einen Tick zügiger zu realisieren, wenn sie einen blinden Kunden vor sich haben. Das ist eine interessante Erfahrung für mich, aber kein Grund hier zu bleiben. Dafür gäbe es andere Gründe.

Freitag, 2. Mai 2008

Mit Ohren und Fingern

Wenn Sie, geneigter Leser, gefragt würden, welcher Ihrer Sinne der wichtigste ist, Sie wüssten die Antwort: Das Sehen, natürlich. Rund 85% Ihrer Informationen erhalten Sie via Auge. Mich fragte jüngst eine Gymnasiastin, die eine zusätzliche Lernleistung zum Thema "Veränderung der Sinneswahrnehmung nach einer Erblindung" schreibt, welches denn mein wichtigster Sinn sei.

Komisch, dass ich mir diese Frage noch nie gestellt hatte. Rein quantitativ wird es wohl das Gehör sein. Denn mit ihm kann ich noch am ehesten aus der Ferne wahrnehmen - Autos auf der Straße und Lautsprecheransagen im Bahnhof hören oder Gespräche im Bus belauschen. Gerade wenn ich draußen unterwegs bin, bringen mich meine Ohren durch die Stadt: Ich höre, wenn die Ampel grün wird - entweder durch ein Piep-Signal oder durch den anfahrenden parallelen Autoverkehr -, ich höre Häuser-Wände, da sich an ihnen der Schall meiner Schritte bricht, oder ich höre, wenn ich unter einer Brücke bin, weil es dann hallt. In meinen vier Wänden hingegen können die Ohren sich ein wenig ausruhen. Hier haben die Hände ihr Revier. Hier lesen sie Bücher und Zeitschriften und die Braille-Beschriftungen, die ich auf meine DVD's geklebt habe. Die Finger unterscheiden das Joghurt- vom Mayonaise-Glas. Sie finden die notierte Telefonnummer im Chaos auf meinem Schreibtisch. Wieviel Prozent meiner Sinneseindrücke nun aber auf das Hören, das Fühlen oder auf das Riechen entfallen, weiß ich nicht. Dazu wird es doch wohl Forschungsergebnisse geben. Ich mach mich mal auf die Suche: mit meinen Ohren und Fingern.