Donnerstag, 28. Februar 2008

Krankfurt

Heut schmerzt der Kopf noch etwas, und die Nase läuft. Gestern lag ich den halben Tag, flau und schwächlich, herum. Und dann musste ich mir im Dämmerzustand auch noch anhören, wie der HSV und 1860 verlieren. Wie soll man da genesen?

Unsere Krankenschwester sagt, dass ich durch Umckaloabo genese: dreimal täglich 30 Tropfen, bis das Fläschchen leer ist. Dosierung und Nebenwirkung muss ich mir vorlesen lassen. Meinen Scanner hab ich nicht immer dabei. Immerhin steht heutzutage der Name des Produkts in Blindenschrift auf der Verpackung. Auch noch nicht auf allen Verpackungen, auf kleinen ist es für die Hersteller nicht verpflichtend. Aber immerhin: in der Regel kann ich die Medikamente in meinem Schrank auseinanderhalten. Und ich werde Herz- nicht mit Ohrentropfen verwechseln. Das ist doch schonmal etwas.

Montag, 25. Februar 2008

Fondue in Frankfurt

Frankfurt am Main, Mittagspause im PR-Seminar: Referent Christian Anderegg steht in der Küche und zaubert ein Käse-Fondue. Der Schweizer lehrt in dieser Woche PR-Grundlagen. Ich bin in der Stiftung für Blinde und Sehbehinderte im Nordend. In Zusammenarbeit mit der Deutschen Akademie für Public Relations bietet die Stiftung die Weiterbildung zum PR-Assistenten/-Berater an. Die Maßnahme dauert zwei Jahre. Am Ende stehen fünf schriftliche Prüfungen und eine mündliche. In diesem Jahr nehmen sieben blinde und Sehbehinderte Menschen an den Kursen teil. Sie haben ganz verschiedene Geschichten. Sie arbeiten beim NaBu, beim DRK oder in einer Bank - oder beim Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg. Sie kommen von der Uni, haben mal als Krankenschwester oder im Kunsthandwerk gearbeitet. Gut, manchmal hat das Seminar Längen, wenn Themen an der Reihe sind, die ich bereits beherrsche. Andererseits ist der Austausch mit anderen Weltsichten und Erfahrungshorizonten immer spannend. Und so ein Fondue vom echten Schweizer ist auch etwas feines.

Stiftung für Blinde und Sehbehinderte Frankfurt: http://www.sbs-frankfurt.de

Sonntag, 24. Februar 2008

Kelly und Küche

Entwarnung: es kann doch noch Konzerte nach The Cure geben. Freitag spielten die Stereophonics in der Markthalle. Und ich hatte viel Spaß. Sicherlich trug meine humorvolle, tiefsinnige und sensible Begleitung ihren Teil zum Gelingen des Abends bei. Der grundsolide und schmutzige Sound der Waliser Band ging aber auch mächtig nach vorn. Sie spielte, wie schon vor elf Jahren, in der Markthalle. Dort hatte ich sie damals zum erstenmal gesehen. Und wahrscheinlich wird sie nie die Colorline-Arena füllen. Aber die Jungs schreiben Hymnen, schrabbeln mit ihren Guitarren, dass sich die Trommelfelle biegen, und entfalten eine mitreißende Energie. Und der betörende Kelly Jones - in manchen Kreisen nur "die geile Sau" genannt - reibt mit seiner Stimme die erogenen Zonen seines Publikums, so dass es ihm nach dem Gig an Groupies gewiss nicht mangelt.

Und Samstag schön gekocht: Rheinhold - das H nach dem R soll so - und ich haben einen Fisch-Eintopf gezaubert. Dabei lief der MP3-Recorder. Veröffentlicht wird auf kulinarisches-duett.de, unserem Koch-Podcast.

Wie kochen Blinde? Eigentlich wie sehende Menschen auch. Nur sehen wir nicht, ob die Zwiebeln glasig sind oder die Milch kocht. Es gibt einige kleine Hilfsmittel und Tricks in der Küche. Will ich einen Topf auf eine heiße Herdplatte stellen, suche ich ihren Rand mit einem Holzlöffel. Schäle ich Kartoffeln, lege ich sie danach in Wasser. Die übersehene Schale fühlt sich dann rau an und kann dann gezielt von mir entfernt werden. Koche ich Milch, lege ich ein Plättchen in den Topf, das zu klappern beginnt, wenn die Milch kocht. Am Regler meines Backofens befinden sich Gummi-Punkte, die mir das Einstellen der Gradzahl ermöglichen.

Grundkenntnisse des Kochens - aber auch des Putzens, Nähens oder Bügelns - erlernen blinde Menschen im sog. LPF-Training . Die Abkürzung steht für Lebenspraktische Fähigkeiten. Hier zeigen ausgebildete Trainer den Betroffenen die beschriebenen Kniffe - und noch viele mehr. Der Rest ist Learning-by-Doing - wie bei sehenden Hobby-Köchen auch.

Homepage der Stereophonics: http://www.stereophonics.com/

Das kulinarische Duett: http://www.kulinarisches-duett.de

Infos zu LPF auf weisser-stock.org: http://www.weisser-stock.org/lpf.html

Donnerstag, 21. Februar 2008

Schau- und Blindspiel

Immer schön open-minded bleiben, flexibel sein, neues ausprobieren! Das klingt heutzutage fast schon wieder stereotyp, abgedroschen und verallgemeinernd. Und doch sind Offenheit und Neugier Grundvoraussetzungen für erfolgreiche Öffentlichkeitsarbeit - und für ein spannendes Leben. Aber muss ich deswegen gleich zum Theater gehen?

Die Kulturbühne Bugenhagen möchte ein Stück mit sehenden Ensemble- und blinden Laien-Schauspielern auf die Bühne bringen. In dem Stück soll das Thema Blind versus Sehend verarbeitet werden. Wie kann das gelingen? Wie können die unterschiedlichen Sinneswelten für das Publikum erfahrbar gemacht werden? Wie kann ich mich als blinder Schauspieler auf der Bühne bewegen?

Auf all diese Fragen bekam ich gestern Abend keine Antwort. Bei einem ersten Info-Treffen in dem einstigen Gemeindesaal der Bugenhagen-Kirche, der heute als Theater-Saal dient, tauschten sich blinde Interessenten mit Regisseur und Bühnen-Betreiber aus. Erste Ideen wurden gedacht und formuliert, mehr neue Fragen gestellt als alte beantwortet. Und gerade das hat mich noch neugieriger gemacht. Wir blinden Teilnehmer können von dieser Chance nur profitieren: schauspiel-pädagogisches Training, die Auseinandersetzung mit Mimik und Gestik, die geballte Reflexion über das Verhältnis von blinden zu sehenden Menschen im Brennglas einer Theater-Bühne. Was kann es spannenderes geben? Ich freu mich drauf! Und wenn das Stück noch eine gute Geschichte erzählt, hat das Publikum auch gewonnen, nämlich einen unterhaltsamen Theater-Abend.

Homepage der Kultur-Bühne Bugenhagen: http://www.kbb-hamburg.de

Ankündigung des Theater-Projekts auf der BSVH-Homepage: http://www.bsvh.org/news/39/37/

Mittwoch, 20. Februar 2008

Unstimmige Zettel statt passende Schablonen

Für meinen Arbeitgeber schon ein Ritual, für mich noch immer aufregend: Landespressekonferenz, Thema Wahlen. Heute war es wieder soweit. Ich sollte die Wahl-Schablonen für Blinde vorstellen.

Die Vorab-Info lautete, dass ich gebeten würde, für eventuelle Nachfragen anwesend zu sein, aber nicht reden müsste. Es kam anders. "Setzen Sie sich nach vorn. Wir haben die Schablonen immer vorgestellt. Das machen wir wieder so." Ich hatte meine zwei Schablonen, einen knapp 100 Seiten dicken Punktschrift-Stapel und eine CD mit aufgesprochenen Kandidaten- und Parteinamen dabei, aber keine Notizen. Schnell noch einen Stift schnappen und einige Stichpunkte auf einen Zettel krickeln, ist für mich nicht drin. Und eine Punktschrift-Schreibmaschine sucht man im Rathaus wohl vergeblich.

Das Thema Wahlschablonen kenne ich inzwischen aus dem Effeff. Seit Wochen habe ich Kandidaten- und Parteilisten in Blindenschrift korrigiert. Ich habe Testversionen verschiedener Schablonen-Modelle in Händen gehalten. Ich habe die Pressemitteilung für den BSVH verfasst, Somit brauchte ich keine Notizen, um vor der - ich befürchte, wenig interessierten - Presse auf das Grundrecht der geheimen Wahl für Blinde, auf die Bestell-Hotline für die Schablonen und auf den großen Kraftakt des Blinden- und Sehbehindertenvereins hinzuweisen. Die Journalisten fragten Hamburgs Wahlleiter lieber nach den Pannen beim Versandt der Briefwahlunterlagen, nach falschen oder zuvielen Kandidaten auf den Wahllisten oder nach verwechselungen beim Zusammenstellen der Stimmzettel.

Trotz des geringen Medien-Echos haben wir soviel Schablonen-Bestellungen wie noch nie. Manchmal ist Mund-zu-Mund-Propaganda halt doch die effektivere PR.

Pressemitteilung des BSVH zu Wahl-Schablonen: http://openpr.de/news/189203/Geheim-und-blind-waehlen.html

Sonntag, 17. Februar 2008

Die Krönung des Pop

Gut, die Anreise ist semi-luxuriös - U-Bahn, S-Bahn, vollgestopfter Bus. Die Leibesvisitation am Eingang hat mehr mit Flughafen als mit Konzerthalle gemein (€1 Aufbewahrungsgebühr für mein Taschenmesser - naja, wenigstens keine Extrawurst für den Blinden). Aber sonst: die Krönung des Pop!

The Cure waren Freitag in Hamburg. Sarih - die erste Blind-PR-Kommentiererin und meine Begleitung an diesem Abend- und ich waren weit vorn, hatten die besten Stehplätze, die überhaupt die besten Plätze in der Colorline-Arena sind. Hier ist der Sound am besten, von der Stimmung ganz zu schweigen. Na gut, die Stimmung brauchte auch am Freitag ein Bisschen Zeit, aber als sie erstmal da war, wollte sie sich bis zum Exzess steigern. Robert Smith singt wie vor 30 Jahren. Seine Stimme lässt meinen Magen kribbeln. Die Band kommt mal gruftig, mal überraschend funky daher. Wie in der Musik von the Cure, geben sich auch in mir Melancholie und Euphorie die Klinke in die Hand. Und spätestens bei "Boys don't cry" fühl ich mich steinalt und jung wie noch nie - und das gleichzeitig. Dreieinhalb Stunden spielen Smith und Band, umwerfend, großartig, genial.

Wovor mir nur graut: wie soll ich nach diesem grandiosen Gig das Konzert einer anderen Band genießen? Diese ganzen Nachwuchs-Melancholiker können doch einpacken. Ich hoffe nur, dass meine Cure-Begeisterung bis zum Konzert der Editors ein Wenig gesackt ist - schon allein, um dann nicht enttäuscht zu sein.

Offizielle deutschsprachige Cure-Homepage: http://www.the-cure.de.

Mittwoch, 13. Februar 2008

Blind wählen

Auch blinde Menschen können wählen: heute hab ich es einer Wochenblatt-Journalistin erklärt. Bis vor wenigen Jahren waren wir auf Hilfe angewiesen, wollten wir unsere Stimme abgeben. Da wir nicht wussten, wo welche Partei, welcher Kandidat auf dem Wahlzettel stand, musste eine mehr oder minder vertrauenswürdige Person unser Kreuzchen machen. Wir mussten ihr blind vertrauen.

Das ist heute anders. Die Blinden- und Sehbehindertenvereine vertreiben kostenlos Wahlschablonen. In die Schablonen werden die Wahlzettel eingelegt. Die Schablonen haben Beschriftungen in Braille und im Großdruck. Sie sind aus fester Pappe. Löcher zeigen an, wo die Felder für die Kreuzchen sind. Da der Text des Wahlzettels in Blindenschrift viel Platz benötigt, wird er auf eine CD gelesen oder als Braille-Broschüre beigefügt. In Hamburg hat der Gesetzgeber das Recht auf die Schablonen verankert.

In Hamburg hat der Gesetzgeber auch ein neues Wahlrecht erlassen, das uns vor große Herausforderungen stellt - allerdings stellt es auch sehende Wähler vor eine keineswegs kleine Herausforderung. Siebzehn Wahlkreise, Partei- und Kandidatenlisten, Bürgerschafts- und Bezirksversammlung. Im schlimmsten Fall hätten wir rund 200 Schablonen erstellen müssen. Der einzelne Wähler hätte mit rund fünfzehn Schablonen in die Wahlkabine gehen müssen. Praktikabel geht anders. Der BSVH konnte beim Wahlamt durchsetzen, dass die Wahlzetten - man muss wohl richtiger von Wahlheften sprechen - genormt werden, so dass für ganz Hamburg - und damit auch für jeden einzelnen Blinden - nur zwei Schablonen notwendig sind: eine hat pro Reihe ein Loch, die andere fünf. Puh, das war knapp. Dann kann ich ja doch wählen, geheim, wie sehende Hamburger auch.

Infos zu den Wahlschablonen: http://www.bsvh.org/news/37/37/

Dienstag, 12. Februar 2008

Kinder, Kinder

Kinder allerorten: nicht nur, dass man sie wieder vermehrt in Hamburgs U-Bahnen antrifft - in dieser Stadt scheint es nicht nur ökonomisch steil bergauf zu gehen -, nein, auch im privaten Umfeld und im Dienst sind sie plötzlich da. Mein alter Schulfreund Petrus ist seit Samstag Papa. Das ist schwer zu glauben, haben wir nicht noch eben auf einer Schaukel gesessen und Bier getrunken, haben wir nicht vor Kurzem noch verwirrt stumpfsinnige Radio-Sendungen im Offenen Kanal Produziert? Bei Lichte betrachtet, ist das wohl knapp fünfzehn Jahre her... Und nun ist Lotta-Sophie da, ein schöner Name. Das Mädchen wird es gut haben bei Petrus, jedenfalls wird er gern mit ihr schaukeln.

Montag Vormittag hat uns eine dritte Klasse im Louis-Braille-Center besucht. Als ich in den Stuhlkreis kam, konnte ich nicht einschätzen, ob da fünf oder fünfzig Kinder sitzen. So leise und spürbar gespannt war en sie. Alle hatten sie Fragen vorbereitet. Ich merkte, dass die Lehrerin sie gut vorbereitet hatte, ohne die Fragen vorher diktiert zu haben. "Wieso sind Sie blind?" "Wie kaufen Sie ein?" "Woher wissen Sie, dass eine Ampel grün ist?" Ich zeigte meinen Blindenstock, meine tastbare Uhr, meine Blindenschriftmaschine. Es gab aber auch Fragen, bei denen die Antworten nicht so leicht fielen: "Wie ziehen Sie sich an?" "Wie bestellen Sie Pommes?" oder "wie gucken Sie Horrorfilme?" Meine Kollegin und ich erklärten die Blindenschrift. Und ich schrieb jedem Zwerg seinen Namen auf einen kleinen Punktschriftzettel. Und schon war eine Stunde herum. Wie kurzweilig die Zeit mit Kindern sein kann.

Sonntag, 10. Februar 2008

Technik, die integriert

Allmählich trudeln sie ein: die Antworten der Parteien auf Fragen des Blinden- und Sehbehindertenvereins. Sie kommen per Post oder Mail. Und trotzdem kann ich sie lesen.

Die CDU-Geschäftsstelle beantwortet postalisch. Ich halte vier Papier-Seiten in der Hand. Papier, leicht rauh, aber keine erhabenen Punkte in Blindenschrift. Ich lege die Seiten nach und nach auf meinen Scanner. Geduldig surrt er, liest die Seiten ein. Eine Software wandelt die gescannten Bilder in Text um. Mein Computer spricht, synthetisch, schnell - ungeschulte Ohren verstehen kein Wort. Ich verstehe, dass die Union die Kürzung des Landesblindengeldes weiterhin für richtig hält, die Schaffung eines zentralen Jobcenters für schwerbehinderte Arbeitslose als Fortschritt empfindet und die Förderung des UKE auch sehbehinderten und blinden Menschen zugute kommen soll.

Die moderne Technik hilft mir auch, die Antworten von GAL und FDP zu verstehen. Sie kommen per E-Mail. Bei den Grünen als PDF, bei der FDP als Word-Dokument. Auch hier hilft mein PC. Auf ihm ist ein sog. Screenreader installiert, der den Bildschirminhalt so ausliest, dass er für mich in Sprache umgewandelt werden kann. Zusätzlich zeigt eine Braille-Zeile den Text in Blindenschrift an. Die kleinen Stäbchen stellen Blindenschrift dar, die nach ihrem Erfinder Louis Braille benannt ist.

Dass blinde Menschen den Computer nutzen können, ist ein großer Fortschritt. Hierdurch und durch das Internet stehen uns Informationen zur Verfügung, die früher unerreichbar waren. Noch vor fünfzehn Jahren waren wir auf gedruckte Zeitschriften in Blindenschrift angewiesen, die nur wenig Information enthielten - Blindenschrift braucht sehr viel Platz. Und sie waren nicht aktuell, so kamen Artikel aus Stern und Zeit erst ein bis zwei Wochen nach ihrem Original-Erscheinen bei uns im Briefkasten an. Alternativ gab es Bücher und Zeitschriften auf Kassette, die auch nicht tagesaktuell hergestellt werden konnten. Außerdem dauerte es Minuten bis man sich zum gesuchten Artikel gespult hatte. Heute gibt es DAISY: Digital Accesible Information System: CDs, die MP3-Dateien und Zusatz-Infos enthalten, so dass gezielt Abschnitte, Kapitel und Seitenzahlen angesteuert werden können. Endlich können wir im Spiegel blättern. Und es gibt das Internet: allmorgendlich lese und höre ich mich am Rechner durch die Online-Angebote von TAZ, Mopo, Welt... Dank des technischen Fortschritts bin ich so gut informiert wie meine sehenden Kollegen.

Donnerstag, 7. Februar 2008

Von rauhen Gesellen und verträumten Frauen - oder umgekehrt?

Meine Konzert-Saison 2008 ist endlich eröffnet. Nicht, dass ich selbst auftrete. Im Gegensatz zum Klischée bin ich kein blindes Musik-Genie. Ich lasse musizieren.

Dienstag war ich bei Wir Sind Helden und Tomte. Vier Stunden Konzert für einen guten Zweck, was will man mehr? An meiner Seite Malin, die seit siebeneinhalb Jahren immer mal wieder auftaucht, um dann plötzlich für Monate oder Jahre nach Barmbek, Maiendorf oder Hawaii zu verschwinden. Wacker windet sie sich mit mir durch das ausverkaufte Docks. Das ist Maßarbeit: zu zweit, mit randvollen Colabechern in der Hand, Stufen ab und Stufen auf durch das Getümmel. Zumal der durchschnittliche Konzert-Besucher nicht davon ausgeht, dass der scheinbar endlos verliebte Typ, der nicht auch nur eine Sekunde vom Arm seiner Angebeteten lassen kann, blind seien könnte. Ruppig wird es auch, wenn ich dem Zwei-Meter-Hünen in Lederjacke und Bier-Dunst eisern im Weg stehe. Statt Platz zu machen sing ich lieber ungestört "Soundso" lauthals mit. Dabei hatte er mir doch nonverbal zu verstehen gegeben, dass ich seinen Weg versperre. Der Normalfall ist das aber nicht: nach einer kurzen Irritation checken die meisten Leute die Situation, berühren mich vorsichtig an Arm oder Schulter und signalisieren mir so, dass sie vorbei möchten.

Gedrängel gab es gestern im Knust nicht. Dort spielte Janina - Support: Goetz Widtmann (einst Jointventure). Familiäre Konzerte wie diese haben ihren eigenen Charme: der kurze Plausch mit dem Mainact am Tresen, ein "Schönen Feierabend" nach dem Konzert. Das Beste aber: Janinas Stimme. Sie kann betörent verwegen daher kommen, dann wieder soulful bluesig oder lasziv Björkesk. Hinzu kommen grundsolides Gitarren-Handwerk und humorvoll-verträumte - wenn auch manchmal noch etwas kantige - Texte. Also, die Frau hat Zukunft - jedenfalls bei mir.

Dienstag, 5. Februar 2008

Politpromis bei Behinderten

Man kann gegen den Wahlkampf sagen, was man will. Er hat einen entscheidenden Vorteil: Es ist selten so leicht, mit führenden Politikern ins Gespräch zu kommen wie vor einer Wahl. Der Elternverein "Leben mit Behinderung Hamburg" hat es geschafft, Birgit Schnieber-Jastram (CDU), Dora Heyenn (die Linke), Michael Naumann (SPD), Christa Goetsch (GAL) und gestern schließlich Hinnerk Fock (FDP in den Südring 36 einzuladen. Ich immer mittenmang. 250.000 behinderte Menschen leben in Hamburg. Ihre Anliegen spielen im Wahlkampf kaum eine Rolle. Politikern geht es letztlich wie den meisten anderen nichtbehinderten Menschen: Sie sind es nicht gewohnt, sprachbehinderte Redner zu verstehen, sie haben noch nie einen Rollstuhlfahrer aus dem Sitz gehoben, sie haben noch keinen bettlegrigen Menschen gepflegt, und sie sind es nicht gewohnt, auf blinde Menschen, die ihren Blick nicht erwidern, zuzugehen. Dafür sind Veraanstaltungen wie die vor der Wahl so wichtig: Zeigen, dass es dieses Hamburg auch gibt, Zeigen, dass wir da sind und Interessen haben, die wir offensiv vertreten. Die SPD möchte die Blindengeld-Kürzung zurücknehmen, die GAL möchte integrative oder - wie sie sagt - inklusive Schulen, die CDU möchte das Landesgleichstellungsgesetz mit Leben füllen, die FDP möchte durch mehr Wirtschaftsaufschwung Behinderte in Lohn und Brot bringen, die Linken wollen Unternehmen verpflichten, behinderte Arbeitnehmer einzustellen. Das alles ist richtig und wichtig, doch noch wichtiger ist wohl der direkte Kontakt, das persönliche Gespräch. Häufig sind es nämlich ganz kleine Dinge, die den Alltag z. B. blinder Menschen enorm erleichtern: eine neue Signalampel, damit man wieder sicher zum Tante-Emma-Laden gehen kann, eine zusätzliche Lautsprecherdurchsage bei der U-Bahn, die verhindert, dass man in die falsche Richtung fährt usw. Solche Themen haben im Wahlkampf keinen Platz. Und ich kann nicht erwarten, dass sie in den Köpfen von Behördenvertretern oder Politikern allgegenwärtig sind. Darum werde ich auch nach der Bürgerschaftswahl am 24. Februar mit meinem Blindenstock an die Türen der Entscheider klopfen.

Sonntag, 3. Februar 2008

Pennen, Pumpen, Ungeschoren

Gordon sagt, dass es Zeit für die Gründung eines Penn-Clubs sei. Recht hat der Mann! Den Samstag verschlafen. Aufgestanden, um ein laues 1 / 1 im Radio zu hören. Danach eine nur wenig aufregendere Party (pikante Dreieckskonstelationen werden zunehmend vorhersagbar und damit immer weniger pikant). Heute Mittag von Tuncay zum Sport geprügelt: pumpen, pumpen, pumpen!!! Pennen verboten! Ab zum ETV: Konditionstraining auf dem Rad, Mucki-Training an den Geräten, amtlichst Schwitzen in der Sauna. Tuncay hält mir seinen Ellenbogen hin und führt mich zu freien Geräten, die Gewichte kann ich durch Abzählen selbst einstellen. Manchmal brüllt er auch durch das ganze Studio: "Auf zwei Uhr ist frei!" Und ich steuere nach schrägrechts und finde die Beinpresse. Und Zuhaus wartet schon Till Hagen auf mich. Er liest mir gerade den aktuellen Arne-Dahl-Krimi vor, auf sechs CDs. "Ungeschoren" kommt etwas schleppender in Gang als seine Vorgänger. Aber inzwischen hab ich die Figuren so lieb, dass mich ihr Privatleben eh mehr interessiert als der Fall. Die Lesung ist vielschichtig, klar und irrt sich nie im Ton - so soll's sein. Der Hörbuch-Boom der letzten Jahre ist für blinde und sehbehinderte Menschen ein Traum. Endlich gibt es auch Neuerscheinungen für uns. Endlich gibt es Bücher wie "Neue Vahr Süd" oder "Fleisch ist mein Gemüse" für uns. Schattenseite: in Deutschland sind Hörbücher meist gekürzt, angeblich verlange der Markt danach. Haben die Deutschen weniger Zeit zum Hörbuch-Hören als die Franzosen? In Frankreich jedenfalls sind gekürzte Lesungen nicht gern gesehen. Dort lässt man es sich nicht einmal nehmen, Prousts "Nach der verlorenen Zeit" komplett aufzusprechen (110 Stunden). Davon kann ich nur träumen. Aber erstmal sind die restlichen vier CDs "Ungeschoren" auch genug.

Samstag, 2. Februar 2008

Die Hand, die nicht trifft

Eigentlich ist jeder blinde Mensch immer und überall PR'ler für seine Zunft. Ein Beispiel: da saß ich eben mit den alten Haudegen Rheinhold und Michi, für die meine Behinderung seit über 15 Jahren kein Thema mehr ist, im Konsum. Vollgepumpt mit Koffein und Erikas Jägerschnitzel XL, plaudern wir über pikante Dreieckskonstelationen, Weltekel in der Strunk'schen Kunst und Weinbrand als In-Getränk '08. Da kommt Jan in die Kneipe, mit Karnevalophoben Kölnern im Schlepptau. Ich kenne sie nicht, sie mich auch nicht. Sie ahnen nicht, dass ich blind bin, halten mir ihre Hand hin. Das sehe ich nicht - eine Situation, die ich beinah täglich erlebe. Ich halte meine Hand hin. Sie trifft nicht. Zwei Hände im Nichts, bis Christoph beherzt zupackt und sich vorstellt. Bei Maike das gleiche Spiel, nur ein weniger beherzter Händedruck. Unsicherheit ist in solchen Momenten normal: wie gehe ich mit einem blinden Gegenüber um? Sieht er gar nichts mehr? Wieso ist er blind? Wie ist es, blind zu sein? All diese Fragen in Sekunden. In der Regel versuche ich, die Fragen zu beantworten. Das entspannt die Situation. Nachts um Eins im Konsum ermutige ich lieber nicht, Fragen nach meiner Behinderung zu stellen. Schließlich müssen doch die pikanten Dreiecksbeziehungen vor der morgigen Party ausgelotet sein. PR für die blinde Zunft mach ich morgen wieder...