Wie ist es, wenn man erblindet? Diese Frage stellte mir Ralf Nehmzow vom Hamburger Abendblatt. Seine Reportage finden Sie hier.
Mittwoch, 30. Juli 2008
Rob, die Eier-Uhr
Es gibt erstaunliche Geschäfte, vor Allem in London. Octopus ist eines von ihnen. Nach unserem Justiz-Walk war Covent Garden nur zehn Gehminuten entfernt. Im Herzen der Stadt unterhalten Kleinkünstler und Musiker das Publikum open Air oder in den Markthallen. Die Gegend bietet Restaurants für jeden Gaumen. Vor Allem aber kann sich der moderne Mensch, insbesondere der weibliche Teil dieser Spezies, hier in den Wahnsinn shoppen. Ein Highlight - für Frau und Mann: das bunte, verrückte, originelle Octopus-Angebot. Hier gibt es alles, was man im Alltag benötigt, Handtaschen, Uhren, Portemonaies. Der Unterschied zu gewöhnlichen Gift-Shops: hier sehen die Handtaschen wie Gießkannen aus, aus der Kuckucksuhr schnellt eine Kuh und aus der Geldbörse kommt einem eine Zunge entgegen. Alles ist quietschbunt, aus ungewohntem Material und durch die Bank sehr humorvoll. Ich freu mich schon drauf, demnächst in Rheinhold Messbechers Küche zu speisen. Denn dann wird Robert, der Piraten-Roboter, mit Samba-Rhythmen verkünden, dass das Essen fertig ist - Robert ist ein Küchentimer. Und gern wäre ich dabei, wenn die Frau meiner Träume ihr neuestes Schmuckstück erstmals auf einer Party ausführt. An ihrem schönen Hals wird dann ein Puppen-Auge ständig auf- und zuschwingen. Eigentlich müsste man schon allein des Einkaufens wegen alle drei Monate London besuchen. Mein letzter Besuch war das jedenfalls nicht.
Dienstag, 29. Juli 2008
Perücken im modernen London
Rheinhold Messbecher und ich hatten eine To-Do-Liste mit nach London gebracht: Wir wollten in den Docklands paddeln (hatten entweder ein Fax-Gerät oder eine volle Mailbox bei der Bookingline, schafften es auch diesmal nicht), wir wollten ins Globe Theatre (online konnte man nicht mehr buchen, waren dann halt bei Manu Chao, an Alternativen mangelt es in London ja nicht), wir wollten ein echt britisches Picknick machen (passte zeitlich nicht mehr) und wir wollten einen London Walk machen (und man glaubt es kaum, den machten wir). Am Montag fuhren wir mit der U-Bahn nach Holborn und trafen dort Richard, unseren Guide für die nächsten zwei Stunden. Sein Thema: "the inns of court". Sieben Pfund kostete die Führung, fünf Pfund für Studenten und Rentner. Geld, das sich lohnte. Schon der Auftakt war beeindruckend. Nur ein, zwei Gehminuten brauchte Richard, um seine Zuhörer-Schar von der trubeligen, verkehrsreichen, hektischen Umgebung der Tube-Station in eine verwinkelte Gasse zu führen, in die kein Tourist eigenständig gestiefelt wäre. Plötzlich umgab uns eine für London unglaubliche Ruhe. Und so ging es die nächsten zwei Stunden weiter. Wir gingen immer mal wieder zügig über Hauptstraßen, um uns sofort auf Kopfstein-gepflasterten Gassen, die sich seit Jahrhunderten kaum verändert hatten, in Park-Anlagen, wo Familien neben Büro-Arbeitern die Mittagssonne genossen, in duftenden Gärten, in der Temple-Church und vor den altwürdigen Gebäuden des englischen Justiz-Wesens wiederzufinden. Dort hielten wir, und Richard erzählte aus der Geschichte der Berufs-Verbände für Anwälte, über die Unterschiede zwischen dem englischen Rechtssystem und dem schottischen, über die verpflichtenden Dinners, an denen traditionell der Anwalts-Nachwuchs bis heute regelmäßig teilnehmen muss. Humorvoll berichtete er darüber, dass heute noch die Anwaltsgruppe der Solicitors um ihr Recht streiten, vor Gericht Perücken tragen zu dürfen, wobei gleichzeitig die Richter vor Zivilgerichten zukünftig auf die 300jährige Tradition verzichten - so gespannt kann das Verhältnis zwischen Tradition und Moderne in einem Land sein. Richard zeigte uns ein Fachgeschäft für Perücken, die je nach Anwaltsstatus zwischen 350 und 2000 Pfund kosten. Und wir lernten, dass sich J.K. Rowling mit ihren vier Häusern in Hogwards bei den vier Inns of Court bedient hat. Die Führung endete in den Royal Courts of Justice, einem sakralen Bau, in dem über 100 Gerichte untergebracht sind. Leider endete die Tour erst um 16.00 Uhr. Da hatten alle Richter bereits ihre Perücken abgelegt, sonst hätten wir uns am Timetable eine interessante Verhandlung raussuchen können und einem echt englischen Prozess zusehen können. Das muss dann wohl auf die To-Do-Liste für den nächsten London-Trip.
Montag, 28. Juli 2008
Sushi, Feudalismus und eine Bootsfahrt
Greenwich ist einen Tagesausflug wahrlich wert. Am Sonntag zogen wir zunächst über den famosen Markt. Schon vom kulinarischen Standpunkt her sollte man einen leeren Magen und eine volle Börse mitbringen. Die Entscheidung fiel wahrlich schwer, zumal hier die Speisen auch durchweg von besonders guter Qualität zu sein schienen. Letztlich entschieden sich die fabelhafteste Hessin der Welt und der Verfasser dieser Zeilen für eine bunte Sushi-Box, die voller Geschmack steckte - da könnte so manch ein hanseatischer Lieferservice mit seinen geschmacklosen Matsch-Sushi einpacken. Und zum Nachtisch gab es italienischen Nougat mit Mandeln. Über dessen Kaloriengehalt soll hier geschwiegen werden, aber nicht über seinen grandiosen, süchtig machenden Geschmack. Anschließend schlenderten wir durch das feudale Greenwich, durch den Park, auf einen Hügel mit der - so hab ich mir aus zuverlässiger Quelle versichern lassen - besten Blick über London und kehrten in ein Pub ein, das selbstredend um 16.00 Uhr bereits proppevoll war - ein erstaunliches Völkchen diese Briten.
Und vor unserem Abflug am Dienstag sollte uns ein London Walk noch einmal ins schmucke Viertel führen, diesmal per Schiff. London Walks, also Führungen zu einem bestimmten Thema, sind super, so super, dass wir diesmal gleich zwei gemacht hatten (s. den folgenden Blog-Eintrag). Man bekommt Hintergrund-Infos und lernt schnell die sehenswertesten Ecken der Stadt kennen. Ich jedenfalls hatte nach der Fahrt durch die Docklands und der Wanderung durch das adelig-akademische Greenwich, wo sich Osten und Westen treffen und die Weltzeit ihren Fixstern hat, Lust auf noch mehr London, ich kleiner Nimmersatt.
Greenwich-Tipps von Visit London: http://www.visitlondon.com/fl/de/itineraries/greenwich.html
Donnerstag, 24. Juli 2008
Mal schnell zu Manu
Das passiert einem nicht in jeder Stadt: "Habt Ihr Lust aufs Lovebox-Festival zu gehen?", fragte Lisa uns. Ein Blick auf das Samstags-Lineup genügte. "klar", sagten wir. Und da sahen wir u. A. Groove Armada und Manu Chao, einfach mal so, spontan, unter freiem Sonnenhimmel, im Victoria Park, in London.
Da wir im März so viele weitere Ideen hatten, was wir alles in der englischen Hauptstadt erleben wollten, hatten Rheinhold Messbecher und ich schon damals beschlossen, im Sommer noch einmal wiederzukommen. Die wundervollste Hessin der Welt schloss sich an, und so liegen hinter uns vier faszinierende Tage, die eine Erlebnis- und Eindrucksdichte aufweisen, wie sie vielleicht nur London erzeugen kann, diese pulsierende, vielfältige, multikulturelle Metropole. Pulsierend, vielfältig und multikulti war es dann auch auf dem Lovebox-Festival. Elektrobeats hämmerten, Reggae-Sounds wogten, Klänge einer schüchternen Folk-Gitarre schwebten über die grüne Wiese, über zehntausende Musikfreunde, über Londons Osten. Die Groove Armada zog alle Dancefloor-Register, straight und doch verspielt trieben die Rhythmen direkt bis ins Tanzbein, der Gesang changierte zwischen Hiphop, Soul und Drachenboot, so modern und sphärisch, so kreativ und simpel ist elektronic Dance viel zu selten. Und als Headliner Manu Chao: genial, euphorisierend, einfach Party. Schon häufiger wollte ich ihn und seine Band sehen, bisher hatte ich ihn immer verpasst, oder die Konzerte waren ratzfatz ausverkauft. Und ganz zufällig spielte er an diesem Wochenende in London - welch ein Glück! Seinen größten Hit - "King of the Bongo" - spielte Manu Chao nicht. Wahrscheinlich kann er selbst ihn nicht mehr ertragen. Ich hätte mich allerdings gefreut. Das war aber auch der einzige Wermutstropfen. Ansonsten gab es über eineinhalb Stunden energiegeladene Musik zum Mitsingen und Abtanzen. Die Mischung aus latein-amerikanischer Folklore, sentimentalen Balladen, schwingendem Reggae, politischem Protest-Song und druckvollem Ska und Punk ist einzigartig. Einzigartig ist vor allem, dass sich die verschiedenen Facetten nicht nur von Stück zu Stück ändern, sondern innerhalb jedes Liedes die Stile bunt durcheinandergewürfelt werden. In einem Moment lagen sich die Pärchen verliebt in den Armen, ein Break weiter kreisten die Körper smooth umher, und noch einen Break weiter sprangen sie pogomäßig auf und ab. Schon für diesen Samstag-Abend hätte sich eine Reise nach London gelohnt, aber es sollten uns noch drei weitere Tage in dieser überraschenden Stadt vergönnt sein. Lesen Sie schon bald mehr über Sushi, Perücken und Schmuck aus Augen...
Das Lovebox-Festival: http://www.lovebox.net
Groove Armada: http://www.groovearmada.com/
Manu Chao: http://www.manuchao.net/
Donnerstag, 17. Juli 2008
PR-Geschichte: ein paar Schlagworte
Wieder einmal bin ich zum Seminar in Frankfurt. Ein Thema: die Geschichte der Public Relations. Und die Geschichte ist spannend. Um 1900 gab es in den USA massive Arbeitskämpfe. Die Journalisten haben zu der Zeit heftig Stellung gegen die Unternehmensfürsten eingenommen. Das konnte ein Rockefeller nicht auf sich sitzen lassen. Er holte sich journalistische Verstärkung, um sein Image aufzumöbeln. Das war die Geburtsstunde der PR, wenn sie auch noch nicht so hieß. Edward L. Bernays, ein Neffe Sigmund Freuds, brachte die angewandte Psychoanalyse in die PR ein. Präsident Wilson konnte Bernays für sich gewinnen und setzte 1914 das Comitee for Public Informations ein, das den Eintritt in den Krieg, der drei Jahre später erfolgte, emotional vorbereiten sollte. Ende 1916 gründete die Katholische Kirche in New York ein Publicity-Büro, geleitet von J.P. Kennedy, dem Vater von John F. Kennedy. Nach dem Kriegsende 1918 waren die PR-Experten ohne Beschäftigung. Die Folge war ein PR-Boom. 1923 hielt Bernays die erste PR-Vorlesung an einer Uni und veröffentlichte das erste PR-Buch. In den 30ern brachte der spätere PR-Papst Hundhausen den Begriff nach Deutschland. Der Begriff war aber unter den Nazis unerwünscht. Die PR-Philosophie war allerdings auch in Deutschland längst nicht unbekannt. So gab es schon um 1900 Presse-Offiziere bei der Marine. Odol-Gründer Lindner hatte sich für Zahnpflege an Schulen stark gemacht und so Kunden für die Zukunft gewonnen. Die IG Farben hatte 1925 bereits eine Pressestelle. Im Dritten Reich herrschte ein PR-mäßiger Black Out, stattdessen gab es Propaganda und Zensur. Pr - eingedeutscht Öffentlichkeitsarbeit - entwickelte sich in der jungen Bundesrepublik. So gründete der Industrie- und Handelskammertag 1950 eine Pressestelle. Der BDI und der BDA zogen nach. 1958 gründeten 17 PR'ler die Deutsche Public-Relations-Gesellschaft. Im selben Jahr fand der erste PR-Weltkongress in Brüssel statt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war PR ein fester Bestandteil der westlichen Medien-Welt.
Dienstag, 15. Juli 2008
Themenwoche Dorfpunks
Erstaunlich, dass ein Buch wie Dorfpunks etliche Jahre brauchte, um bis zu mir durchzudringen. Viele Freunde hatten es gelesen, die meisten schwärmend bis nostalgisch. Andere waren enttäuscht, ob der fehlenden Sprachgewalt. Wie dem auch sei: jetzt ist Rocko Schamoni in meinem Leben angekommen - und das in geballter Form.
Erst liest die liebste Hessin der Welt drei Rocko-Romane am Stück, Dorfpunks laut für mich am Bodensee im Gras, auf der Blumeninsel Mainau auf einer Bank oder im Zelt liegend. Und ich verstehe, warum Schamoni und Heinz Strunk sich gefunden haben. Wie in Strunks "Fleisch ist mein Gemüse" watet Schamonis Humor im modrigen Uferstreifen zwischen Groteske und Grausamkeit. Beide Autoren haben einen untrüglichen Blick für das Komische, das in der bösen und tristen Welt des Alltags schlummert. In Dorfpunks verarbeitet Schamoni seine rebellische Landjugend in Schleswig-Holstein: mit Alkohol-Gelagen, plumper Zerstörungswut, Gewalt-Exzessen und wohl behüteter Auflehnung gegen unerträglich wohlige Behütung. Gut, Charaktere und Szenen stehen häufig etwas unvermittelt nebeneinander. Wie im echten Leben fehlt es so manches Mal an Stringenz. Und Schamoni ist nicht so böse und so wortgewandt wie sein Studio-Braun-Companion Strunk. Nichtsdestotrotz: Schamonis Erinnerungen und Geschichten sind liebevolle Abrechnungen mit der eigenen Jugend, mit jugendlicher Rebellion allgemein, so dass ich die Fortsetzung der Privatlesung kaum erwarten kann.
Und wie es der Zufall so will, hatte Tante Trevor Theater-Karten für das Schauspielhaus. Gegeben wurde die Inszenierung von Dorfpunks. Und was die drei Studio-Braun-Jungs (neben Schamoni und Strunk gehört der brutal-rauhe Jacques Palminger zum Trio) da auf die Bühne gebracht haben, das war famos, grandios, surreal. Der Originaltext war nur in vielleicht drei, vier Szenen erkennbar, die Handlung war beinah brechtesk gebrochen. Und - nicht gerade zuletzt - es war ein faszinierend bitterer, mystischer und humorvoller Abend.
Nicht so bitter, dafür einfach mal schön war schließlich Teil 3 meiner Themenwoche Dorfpunks. Vor gut einer Woche quälten wir uns vom Golden-Pudel-Club, durch den Schlagermove in einen Bus Richtung Ostsee. Es ging nach Behrendsdorf zu den Pudelseefestspielen. Das Prinzip war denkbar einfach und daher so genial: man nehme die Crème de la Crème der Pudel-DJ's und -Musiker, stelle sie zusammen mit Studio Braun auf eine Bühne in ein Festzelt auf einer Wiese hinterm Deich, serviere dazu Fleischmassen vom Highland-Rind und hektoliterweise Festzelt-Plörre-Pils und habe einen feinen Tag am Meer. Zwischendurch gingen wir frohgemut an den Strand und in das Meer (leider nur mit den Füßen, ärgerlicherweise hatte keiner von uns ein Handtuch, geschweige denn Badeklamotten dabei). Die Sonne schien, die Beats trieben, der gnadenlose Studio-braun-Humor drosch geballt auf das Publikum ein, Heinz Strunk groovte mit seinem Sax und seiner Flöte wie ein junger Gott. Die Sonne schien, die Schafe blökten, so (ent)spannend kann das Leben sein, wenn Widersprüche für einen Tag aufgehoben werden.
Links zum Thema
Rockos Homepage: http://www.rockoschamoni.de/
Rocko im Interview mit der FAZ: ht tp://www.faz.net/s/Rub4521147CD87A4D9390DA8578416FA2EC/Doc~E9EC4814E3BDA4A7BB6A324F8B1181627~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Alles zum Buch Dorfpunks: http://www.single-generation.de/pop/rocko_schamoni.htm
Golden Pudel Club: http://www.pudel.com
Eindrücke von den Pudelseefestspielen: http://weltdeswissens.wordpress.com/2008/07/06/pudelseefe stspiele/
Freitag, 11. Juli 2008
Spaß beim Shoppen
Und es klappt wirklich. In Begleitung eines Kollegen von NDR 90,3 habe ich in der vergangenen Woche den Begleitservice der Galeria Kaufhof getestet. Kaufhof ist der bisher einzige Einzelhändler, der bundesweit in allen Filialen eine Begleitung für sehbehinderte und blinde Kunden anbietet. In der Hoffnung, dass andere Ketten diesem Beispiel folgen, haben die deutschen Blinden- und Sehbehindertenvereine am 6. Juni (Sehbehindertentag) auf das Kaufhof-Angebot aufmerksam gemacht. Aber funktioniert das wirklich?
Vorab rief ich in der Filiale in der Mönckebergstraße an und machte einen Termin ab. Ich könne morgen um halb Vier. "Kein Problem. Notiere ich", sagte die freundliche Dame am Telefon. "Kommen Sie bitte zum Personaleingang, oder rufen Sie an, wenn Sie am Kaufhof sind. Eine Mitarbeiterin nimmt Sie dann in Empfang." Und wirklich kam eine Verkäuferin zu mir, stellte sich vor und fragte, ob sie mich führen solle. "Gern", antwortete ich und hielt mich an ihrem Ellbogen fest. "Was möchten Sie denn kaufen?" "Lebensmittel, bitte." Zielstrebig ging sie mit mir auf die Rolltreppe zu: "Wir gehen jetzt nach links. Jetzt beginnt die Rolltreppe." Ich merkte ihr nicht an, dass ich ihr erster blinde Kunde war. Routiniert und freundlich zeigte sie mir die verschiedenen Tomaten. Ich entschied mich für die, die am würzigsten rochen. "Das sind auch die besten", sagte meine verkäuferin lachend. Die Nektarinen ertastete ich, um möglichst weiche zu kaufen. Am Wurst-Tresen las sie mir die verschiedenen Salami-Sorten vor. Und ich probierte die scharfen Salamis. "Und welche finden Sie am besten? ich mag die Spanische gern." Die Italienische war nach meinem Geschmack. An der Kasse legte sie meinen Einkauf auf das Laufband. Sie packte alles ein und brachte mich zum gewünschten Ausgang. "Vielen Dank Herr kunert. Kommen Sie gern mal wieder", sagte sie zum Abschied. Und noch: "Es hat mir Spaß gemacht." Mir auch.
Kaufhof im Web: http://www.galeria-kaufhof.de
Dienstag, 8. Juli 2008
Blindengeld muss bleiben
Mecklenburg-Vorpommern möchte bei blinden und sehbehinderten Menschen sparen. Das Blinden- und das Sehbehindertengeld sollen nach Plänen des Finanzministeriums massiv gekürzt werden: das Blindengeld von 546 auf 333 Euro monatlich. Ich hatte ein wenig die Hoffnung, dass die Landesregierungen zunächst die Finger vom Blindengeld lassen würden, schließlich hatten sich Niedersachsen und Thüringen gehörig die Finger verbrannt. Beide Länder hatten die Leistung komplett gestrichen, sahen sich aber nach massiven Protesten der Blinden- und Sehbehindertenvereine gezwungen, die Streichungen zurückzunehmen. Sie führten, wenn auch auf deutlich niedrigerem Niveau, das Blindengeld wieder ein. Meine Hoffnung war wohl unbegründet. Das Finanzministerium in Schwerin argumentiert nach dem üblichen Muster: man liege mit den Leistungen über dem Bundesdurchschnitt (Blindengeld ist Ländersache) und man müsse sparen. Wie das zu den Worten des Ministerpräsidenten Harald Ringsdorf passt, die vom enormen Wirtschaftswachstum, von einer familienfreundlichen Politik (gibt es keine Familien mit blinden Vätern, Müttern oder Kindern?) und von einem ausgeglichenen Haushalt berichten? Ich weiß es nicht. Solang das Blinden- und das Sehbehindertengeld in den Händen der Landesregierungen liegen, wird sich immer ein Bundesland finden, das weniger zahlt und an dem sich die Anderen orientieren werden. Wird diese Logik nicht durchbrochen, ist die Spirale nach unten nicht aufzuhalten. Letztlich braucht es einer bundeseinheitliche Leistung, die sich an den wirklichen Bedarfen blinder und sehbehinderter und perspektivisch aller behinderten Menschen orientiert.
Das Blindengeld ist eine Errungenschaft. Es ist ein kleiner Ausgleich von Nachteilen, die blinden Menschen in unserer Gesellschaft entstehen. Einige Beispiele aus meinem Alltag: ich liebe Goethe. Faust gehört in jede Buchsammlung, nur dass meiner nicht reklamhafte vier Euro, sondern - weil in Blindenschrift - über 40 Euro kostet. Auch ich möchte Tagebuch schreiben, auf Papier in meiner Schrift. Dafür brauche ich eine Blindenschriftmaschine, Anschaffungskosten: je nach Modell 400 bis 2000 Euro. Meine Ärztin überweist mich an einen Facharzt, bei dem ich noch nie war. Ich kenne den Weg nicht. Ich nehme ein Taxi, für Hin- und Rückweg zahle ich 25 Euro. All diese Kosten habe ich, weil ich blind bin. Damit ich am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilnehmen kann, brauche ich Blindengeld. Und jeder blinde Mensch hat diese Zusatzkosten, ganz gleich ob er Hartz-IV-Empfänger ist, eine Rente bekommt oder arbeitet. Daher muss es ein einkommensunabhängiges Blinden- und Sehbehindertengeld geben und daher sind Streichungspläne wie die in Mecklenburg-Vorpommern inakzeptabel, und sie müssen von den Blinden- und Sehbehindertenvereinen - wie schon in Niedersachsen und Thüringen - entschlossen bekämpft werden.
Blumenmeer im Bodensee
Mit dem Tandem ging es auch zur Blumen-Insel Mainau - so etwas wie ein botanischer Garten, halt nur in riesig - eben der aus Schweden stammenden gräflichen Familie Bernadotte würdig, dazu das warme Bodensee-Klima, in dem Palmen und Orangenbäume gedeihen. Im Kräutergarten wuchsen 120 Pflanzen dicht an dicht, jeweils durch flache Buchsbaum-Hecken getrennt. Eine Duftflut brach über meine Nase herein. All diese würzigen, schweren oder frisch-minzigen Düfte, die von Schritt zu schritt wechselten, großartig. Großßartig war es auch, die Nase in die verschiedensten Nuancen von Rosenduft zu tauchen. Wenn ich gelegentlich in Gärten an Rosenblüten schnuppere, duften diese für mich entweder nach nichts oder eben nach Rose. Auf Mainau stand aber Pflanze an Pflanze, so dass ich merkte, wie unterschiedlich die verschiedenen Sorten nicht nur aussehen, sondern eben auch duften: leicht und zart, stechend seifig, betörend schwer. Ein Fest für die Sinne waren auch erstens die italienischer Wassertreppe, bei der ich das Wasser die einzelnen Stufen hinunterfallen hören konnte und von der eine angenehme Kühle ausging, zweitens die feuchte Schwüle des Schmetterlingshauses, in der sich die tropischen Flattermänner verpuppten, ihre ersten Flügelschläge probten und für mich unmerklich umherflogen, und drittens das Ertasten der unterschiedlichen Baumrinden im Aboretum und komprimiert im barrierefreien Garten für alle, der sogar mit Blindenschrift-Schildern glänzen konnte. Nach rund vier Stunden waren die wundervollste Frau und ich einmal herum, ohne alles gesehen zu haben, und voller Sinneseindrücke. Schön, dass wir auf Mainau waren, schön, dass wir eine Woche gemeinsam am Bodensee verbracht haben.
Die Blumeninsel Mainau: http://www.mainau.de/
Donnerstag, 3. Juli 2008
Teamwork auf dem Tandem
Die Bodensee-Region gilt als Fahrrad-Region: keine Berge, viele beschilderte Wege und eine reizvolle Landschaft mit vielen Sehenswürdigkeiten. Also, leihen wir uns ein Tandem. In Allensbach gibt es keines. Man verweist uns an das Freizeitcenter auf Reichenau. Na gut, zehn Kilometer entfernt, aber was soll's. Dafür macht das Rad einen soliden Eindruck, und es lässt sich prima fahren. 50 Euro für drei Tage gönnen wir uns dann auch einmal - schließlich sind wir im Urlaub. Die wundervollste Frau der Welt und ich treten erstmals gemeinsam in die Pedale, und es ist einfach toll. Wir rauschen durch die Reichenauer Allee. Der kühlende Wind weht über unsere Haut. Die Sonne scheint auf unsere Schädel. Gemeinsam kommen wir voran.
Und das ist das Schöne am Tandem-Fahren. Der sehende Pilot und der blinde Kopilot erleben gemeinsam die Umwelt, unterhalten sich und machen zusammen Sport. Für mich ist das Tandem vor allem ein Must-Have für gemeinsame Freizeit-Gestaltung. Es ist aber auch ein Symbol für gelebte Integration.
Tandem-Fahren ist Teamwork. Beide treten stark, wenn es einen Hügel hinauf geht. Beide müssen gleichzeitig mit dem Treten aufhören, wenn es bergab geht. Wenn der Pilot bremst, darf ich nicht weiter strampeln. Auf Kurven muss ich schnell reagieren, damit wir nicht ins Straucheln kommen. Am wichtigsten ist die Absprache aber beim Starten. Ein Gefühl oder ein klares Kommando zu entwickeln, damit wir gleichzeitig in die Pedale treten, ohne zu wanken, das verlangt Koordination und Teamgeist. Aber nach drei Tagen Bodensee-Radeln - zuletzt auf der schönen Seestrecke zwischen Allensbach und Radolfzell - hatten wir das Starten auch perfektioniert. Schade, dass wir das Tandem da schon wieder abgeben mussten.
Tandem-Verleih auf Reichenau: http://www.freizeitcenter-reichenau.de/
Von Affen und Menschen
Michi hatte mir im Vorhinein schon vom Affenberg erzählt. Er sei dort als kleiner Junge dereinst gewesen. Erst habe er die vielen Berber-Äffchen ja noch ganz niedlich gefunden, aber nur bis sie sich zu dritt über die Popcorn-Tüte in seiner Hand hergemacht hätten und mit ihren Krallen an dem Dreikäsehoch-Michi emporgeklettert seien. Anscheinend hat man aus Geschichten wie diesen gelernt. Wir bekamen eine Einweisung, nach der wir nur die Affen auf den Geländern füttern dürften, und eine ganze Tüte Popcorn gab es auch nicht mehr. Jeder von uns nahm sich eine Hand voll, die hinterm Rücken versteckt werden musste, während sich die Affen von der anderen Hand ein, maximal zwei Körner krallen durften. Nur ein flinkes, rauhes Kratzen auf meiner Handfläche und dann ein promptes Knuspern, und Besucher wie Affe waren zufrieden. Wie kann man nur soviel ungesüßtes Popcorn essen? Wir sechs waren ja nicht gerad die einzigen Besucher an diesem Mittwoch. Andererseits gibt es hier ja auch rund 200 Affen, die sich auf 20 Hektar Wald verteilen. Und dann klappern noch etliche Storch-Familien friedlich vor sich hin. Und Dammwild lebt hier, winzige Enten, Frösche sind auch noch dabei. Ein schönes Ausflugsziel ist dieses Salem.
Und danach ging es in die menschliche Geschichte, ab in die Steinzeit. Das Pfahlbauten-Freilichtmuseum in UnterUhldingen gehört zum absoluten Pflicht-Programm eines Bodensee-Touristen, undzwar vollkommen zurecht. Es war fwahrlich famos, über die knirschenden und schwingenden Holzwege zu laufen, während unter einem die Bodensee-Wellen plätscherten. Meine Hände, die doch - wenn überhaupt - nur mit moderner Architektur Kontakt haben, genossen die eckigen, kantigen, naturbelassenen Holzgeländer und -wände. Für jung und alt lohnend war auch die Führung, bei der z.B. die einfachen, aber überraschend genialen Werkzeuge und Bautechniken erläutert und erfahrbar wurden. Nach vielen Eindrücken und etlichen Stunden in der prallen Sonne waren wir - und erstrecht die Zwerge - erschöpft, aber vor allem enorm bereichert.
Affenberg Salem: http://www.affenberg-salem.de/
Pfahlbauten: http://www.pfahlbauten.de/
Dienstag, 1. Juli 2008
Mönchsgesang und altes Holz
Am Dienstag ging es auf die Insel Reichenau. Sie gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. Wenn das kein Grund ist, das dortige Heimatmuseum zu besuchen. Museumsbesuche sind für mich und meine Begleitpersonen immer eine gewagte Sache. Schließlich weiß ich nie, ob nicht alle Exponate hinter Glas verstaut sind. Dann bleibt oft nur, dass der Mensch an meiner Seite mehr, meist aber minder spannend geschriebene Infotexte vorliest. Für beide eher ermüdend. In Reichenau gab es glücklicherweise einiges zu ertasten: jahrhunderte alte Möbel, Weinfässer, Maische-Behälter, Büsten, Fischernetze, alles ein bisschen wahllos zusammen-geramscht. Überraschend modern und wissenschaftlich dafür die Kloster-Ausstellung im Neubau. Gut, hier war dann auch mehr hinter Glas. Dafür konnte ich von der Reichenau stammende Mönchsgesänge über Kopfhörer genießen oder mich in einem aufschlussreich kommentierten Dokumentarfilm über die Buchproduktion im mittelalterlichen Kloster schlau machen. Der Ausflug hat sich gelohnt.
Das Museum: http://www.reichenau.de/index.php?id=34
Keine Panik im Gnadensee
Eine Woche Urlaub liegt hinter mir: Camping am Bodensee mit der wundervollsten Frau der Welt und ihrem lustig-sympathisch-niedlichen Anhang. Das durchgeschwitzte Nordlicht kam nach langer Autofahrt im heißen Süden an, räumte sodann den Kofferraum aus und heizte sich beim Stützen des Vorzeltes in der Sonne bei über 30 Grad weiter auf. Danach waren wir reif für den Boden-, genauer für den Gnadensee. Nur wenige Meter vom Zelt entfernt, lockte das kühle Nass. Das Gras unter den Füßen, das erfrischende Wasser auf der Haut, schließlich am ganzen Körper - und schon war der Urlaub in vollem Gange. Ich liebe es, mich im Wasser zu bewegen. Ich genoss es, mit meiner Liebsten zu einer künstlichen Insel oder zu einem Baumstamm zu schwimmen, mit ihr dort auszuruhen, die Sonne oder die klare Abendluft aufzusaugen.
Wie schwimmt ein blinder Mensch? Wie jeder andere auch. Allerdings ist es mit der Orientierung im Wasser nicht so leicht wie auf dem Festland. Es fehlen weitgehend die akustischen Orientierungspunkte. Und sobald man im tiefen Wasser angekommen ist, fehlt auch jede tastbare Information. Das Gefühl der absoluten Leichtigkeit und Freiheit, das wir alle im Wasser so sehr genießen, kann für mich deutlich schneller in die Furcht des Ausgeliefertseins umschlagen als für einen sehenden Schwimmer. Ich kann nicht gezielt auf den Strand zurücksteuern, wenn ich merke, dass mir die Kräfte versagen. Ein Brett, an das ich mich halten könnte, kann unbemerkt nur wenige Meter vor mir vorbeiziehen. Ob der Seegrund zwei oder 20 Meter unter mir ist, kann ich nicht unterscheiden. Daher höre ich immer sehr auf meine Konstitution, wenn ich mich für ein längeres Bad entschließe. Und ich achte darauf, möglichst ausgeglichen und ruhig zu sein, wenn ich mich ins Tiefe wage. Panik kann weder ein sehender, noch ein blinder Schwimmer gebrauchen. Aber wie sollte Panik entstehen, wenn ich mit der wundervollsten Frau der Welt an einem Baumstamm im Gnadensee baumele und eine ganze Woche Urlaub vor uns liegt?
Der Gnadensee bei Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Untersee_(Bodensee)