Sonntag, 28. Dezember 2008

Jubiläumsjahr

200 Jahre Louis Braille, 100 Jahre Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg. Wenn das kein Jubiläumsjahr wird - und viel spannende Arbeit für mich mit sich bringt.

Louis Braille, der Erfinder der Blindenschrift, hat am 4. Januar 2009 200. Geburtstag. Seine Erfindung ermöglicht bis heute den blinden Menschen weltweit Bildung, Zugang zu Literatur und Information und ein selbstständiges Leben. Auch in Hamburg wird das Braille-Jahr gefeiert. Beispiele: am 04.01. um 15.00 Uhr wird der U-Bahn-Vorplatz Hamburger Straße in Louis-Braille-Platz umbenannt. Kultursenatorin Karin von Welck wird einweihen. Es sind zwischen Januar und August Veranstaltungen rund um die sechs Punkte geplant, die unter dem Motto "Tour de Braille" stehen werden, einer bundesweiten Aktion mit 200 Events.

Und noch ein Geburtstag: Der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg (BSVH) wird 100 Jahre alt. Neben einem Mitgliederfest zum Auftakt (04.01. im Louis-Braille-Center, Holsteinischer Kamp 26) ist u. A. geplant: eine Kunstausstellung von Tastbildern der Malerin Armelle Mag, die Wiederaufnahme des Theaterstückes "Blindfische und Sehfische" mit blinden Laiendarstellern und sehenden Profis in der Kulturbühne Bugenhagen (am 13. und 14.03.), ein offizieller Empfang für Politik und Gesellschaft, ein Straßenfest der Sinne am 06. Juni (u. A. mit Motorradfahren für blinde Menschen und vielen Erlebnissen unter der Augenbinde für die sehende Bevölkerung). Der BSVH vertritt die Interessen seiner knapp 1500 Mitglieder und aller blinden und sehbehinderten Hamburgerinnen und Hamburger. Er bietet Beratung, Hilfsmittel und Kultur für Menschen mit Augenerkrankungen. Ich freu mich auf das Jubiläumsjahr!

Dienstag, 23. Dezember 2008

Politisches Theater

Mal wieder war ich im Theater: "Marat, was ist aus unserer Revolution geworden?" Das fragt Volker Lösch in seinem gleichnamigen Stück am Hamburger Schauspielhaus. Und es fragen sich 24 Arbeitslosengeld-II-Empfänger, die in seinem Stück sich selbst spielen und unerbittlich diese Frage allen Versprechungen und Ablenkungen entgegen schreien. Und anscheinend fragen sich das viele Menschen in Zeiten der Finanzkrise. Obwohl die Kritik überwiegend verhalten ausfiel ist das Stück ein Publikumsrenner. Ein Großteil der Zuschauer spendet Kapitalismus-Kritik, manchmal sehr plumper, großen Applaus.

Das Stück ist energiegeladen, voller interessanter und notwendiger Fragen. Es legt die Finger in die Wunde einer scheinbar wohlhabenden Gesellschaft, aus der man aber zunehmend leicht herausfällt. Und Lösch zeigt, dass es möglich ist, zeitgenössisches politisches Theater zu machen, das einerseits verwirrt und andererseits ermutigt. Denn nur solang die sozialen Fragen zum Beispiel im Theater gestellt werden, können Antworten gefunden werden, die Sie lösen.

Das Stück wird am 21. Januar um 20.00 Uhr erneut gegeben.

Freitag, 19. Dezember 2008

Bilder zum Fühlen im Louis-Braille-Center

Das Kreischen der Bohrmaschine schallt derzeit durch das Louis-Braille-Center. Es wird gehämmert. Das Galeriesystem wird montiert. Bilder zum Ertasten werden aufgehängt. Nachdem ich mir im Sommer eine Ausstellung von Armelle Mag angeschaut hatte, war ich begeistert und berichtete an dieser Stelle. Gemalte Kunst zum Fühlen. Das ist schon etwas besonderes und etwas für die sehbehinderten und blinden Hamburger, habe ich gedacht und eine Ausstellung in unserem Haus angeregt. Und nun kommt sie: Ab Januar 2009 können alle interessierten Hamburger mit Augen und Händen Mags Werke entdecken. Eine Veranstaltung mit der Künstlerin und sehbehinderten und blinden Menschen ist für den Februar geplant. Die Farbe ist dick aufgetragen, so dass Relief-Landschaften entstehen. Mag arbeitet häufig mit sehr starken Gegensätzen. Die farblichen Kontraste dürften auch für Menschen mit einem geringen Sehrest ein Kunsterlebnis sein. Ich bin schon jetzt gespannt auf die Meinungen unserer Besucher. Und natürlich auf Ihre Reaktionen, liebe Blind-PR-Leserinnen und -Leser. Schauen Sie doch ab Januar mal im Holsteinischen Kamp 26 vorbei.

Dienstag, 16. Dezember 2008

Keks meets Kultur

Neben der Feuerzangenbowle gibt es noch ein Weihnachtsritual für mich. Seit gefühlten Jahrzehnten veranstaltet Rheinhold am dritten Advent seine Keks-meets-Kultur-Feier. Das Konzept ist denkbar einfach und genial: am Nachmittag wird kollektiv Teig geknetet, wird derselbe mit Förmchen ausgestochen, werden Plätzchen gebacken. Und wenn die gesamte Runde vollkommen überzuckert ist von Keksen und Glühwein, dann zeigt jeder, was er kann. Die einen singen Bob Dylan und Tom Waits mit Gitarren-Begleitung. Die anderen spielen Tanzmusik vom Balkan und die Monkey-Island-Musik auf dem Akkordeon. Eigen-Kompositionen gehören ebenso zum immer überraschenden und inspirierenden Programm. Und gelesen wird auch. Neben eigenen Kurzgeschichten habe ich in diesem Jahr erstmals einen kleinen privaten Jahresrückblick vorgetragen, gespeist aus diesem Blog. Ein grandioses Editors-Konzert, die anrührende Hochzeit der Trevors und mein persönlicher Theater-Sommernachtstraum wurden im Kreise meiner Freunde und Bekannten noch einmal lebendig. Eigentlich schade, dass nur einmal im Jahr dritter Advent ist. Es ist schön, zu entdecken, was in den Menschen steckt. Und man vergisst manchmal, wieviel kulturelles Können einen im Alltag und persönlichen Umfeld umgibt.

Freitag, 12. Dezember 2008

Wecker, Lampen, Wunderkerzen

Die Wecker klingeln. Die Taschenlampen leuchten. Die Wunderkerzen brennen. Mit Glühwein wird auf Hans Pfeiffer - mit drei f - angestoßen. Gestern war es wieder Zeit für das allvorweihnachtliche Ritual: die Feuerzangenbowle im Audimax. Ratzfatz waren die Vorstellungen auch diesmal wieder ausverkauft. Tausende Studierende und deren Anhang pilgern in die Uni. Dabei ist der Sound übersteuert. Es ist stickig. Und gestern ging sogar ein Licht nicht aus. Das macht aber nichts. Die allerallermeisten Besucher haben den Film eh schon 'zigmal gesehen und sind wegen des Spaßes hier. Und für 3,20 Euro kann man ja auch nicht meckern. Der Film von 1944 ist wirklich immer wieder großartig: humorvoll, nostalgisch, einfach witzig. Für mich gehören Heinz Rühmann und die Feuerzangenbowle in die Weihnachtszeit. 2009 bin ich wieder dabei!

Mittwoch, 10. Dezember 2008

Ein erfolgreiches und schönes Turnier

Heute erhielt ich eine Mail von der Torball-Abteilung des FC St. Pauli, darin ein Nachbericht zum Louis-Braille-Cup. Da ich selbst nur die Abschlussfeier live erlebt habe, veröffentliche ich den Text über das gesamte Turnier gern im Folgenden. Stefan Mörs, Torball-Spieler des FC St. Pauli, berichtet über das 15. Louis-Braille-Torball-Turnier, das in Hamburg stattfand.

"Am 22. November fand in Hamburg in der Sporthalle in der Budapester Straße das Louis-Braille-Torballturnier statt, bei dem zum 15. Mal um den vom BSVH gestifteten Wanderpokal gespielt wurde. Es nahmen 7 Mannschaften, die jeder gegen jeden spielten, daran teil. Neben dem Gastgeber St. Pauli nahmen noch Berlin, Borgsdorf, Halle, Langenhagen, Magdeburg und Wilhelmshaven den Ball in die Hand.

Zunächst verhinderte ein nicht eingeladener Gegner den rechtzeitigen Beginn des Turniers und sorgte dafür, dass sogar eine Mannschaft bereits auf der Anreise die erste Niederlage des Tages erlitt. Die Detmolder mussten gegen den Winter kapitulieren, und konnten leider nicht anreisen. Alle anderen Mannschaften kämpften sich tapfer durch die "weißen Fluten" und kamen letztendlich, wenn auch etwas verspätet wohlbehalten am Spielort des 15. Louis-Braille-Turniers an. Nach einer wärmenden Tasse Kaffee oder Tee, der bereits durch unsere beiden Küchenfeen vorbereitet worden war, konnte das Turnier dann doch losgehen. Bodo Bodeit, der Vorsitzende des Amateurvorstandes des FC St. Pauli, sprach einige einführende Begrüßungsworte. Aber dann ging es auch gleich los. Unsere Mannschaft begann gegen Halle. Es war ein spannendes und hochklassiges Match. St. Pauli konnte mit 1:0 in Führung gehen und diese Führung auch lange halten, aber leider nicht ausbauen. So kam es dann, wie es kommen musste. Die Hallenser fanden kurz vor Spielende eine Lücke in unserer Abwehr und glichen aus. Das Spiel endete mit 1:1. Als nächstes mussten wir uns mit unserem Angstgegner Wilhelmshaven auseinandersetzen. Leider gewannen die Nordseestädter am Ende mit 5:2. Dieses Turnier lief für die Mannschaft von St. Pauli dieses Mal insgesamt nicht so gut. Denn es folgten noch Niederlagen gegen Langenhagen und Magdeburg, bevor wir dann in einem sehr spannenden Spiel gegen die Sportkameraden von Berlin mit 6:4 gewinnen konnten. Zum Ende gab es noch eine 0:3 Niederlage gegen Borgsdorf. Insgesamt war es ein recht ausgeglichenes Turnier. Es gab überwiegend sehr enge Matches mit knappen Ergebnissen. Das war ein gewisser Trost für den Gastgeber, der leider nur den 6. Platz erreichen konnte.

Der Sieger wurde in Halbfinale und Finale ermittelt. Den Sieg trugen am Ende die Borgsdorfer nach einem Golden Goal gegen Magdeburg mit 3:2 nach Hause. Es war für die Brandenburger der erste Erfolg bei diesem Pokal. Herzlichen Glückwunsch hierzu! Auf Platz 3 landete Wilhelmshaven nach einem 4:3 gegen Langenhagen. Dieses Mal war für uns das sportliche Ergebnis auch nur Zweitrangig, da wir unser erstes eigenes Turnier gespielt haben und es für uns wichtig war, ein guter Ausrichter zu sein.

Die Siegerehrung fand im Vereinsheim des FC St. Pauli statt. Herr Heiko Kunert überbrachte in seiner Rede die Grüße von Herrn Jochen Fischer und überreichte der Siegermannschaft den Pokal.

Ein besonderer Dank gilt den vielen Helferinnen und Helfern, die sich für die Torballer das Wochenende um die Ohren geschlagen haben, damit wir dieses sportliche Ereignis überhaupt über die Bühne bringen konnten. Sie haben durch unermüdlichen Einsatz dazu beigetragen, dass es ein erfolgreiches und schönes Turnier für die Vereine war."

Donnerstag, 4. Dezember 2008

Mein Zauberhügelchen

"Leben ist Leiden", soll schon der alte Buddha gesagt haben. Recht hatte er. Der Hals ist wund, der Husten bricht sich Lawinenartig seine Bahn. Der Schnupfen sprengt sich seinen Weg in eine von Pfefferminzöl und Hustensaftduft erfüllte Wohnung. Der fiebrige Körper schwitzt, friert und glüht im minütlichen Wechsel. Erstmals gehe ich aufgrund einer Krankheit nicht ins Louis-Braille-Center zur Arbeit. Ich leide vor mich hin, schlafe gefühlte 30 Stunden am Tag, wache nur auf, um nach synthetisch gesüßtem Tymian schmeckende Medizin zu schlucken, Bananen und Mandarinen zu essen und die nötigsten Mails zu beantworten. Was für ein leben. Und doch kann ich irgendwie verstehen, was Thomas Mann bewegt haben muss, als er den Zauberberg schrieb, sein grandioses Meisterwerk über das Leben in Krankheit, die Auseinandersetzung mit der körperlichen Begrenztheit des Menschen und der Chance, sich aus ihr in geistige Höhen zu erheben. Gut, letzteres ist mir nach zwei Tagen Grippe noch nicht gelungen. Und ich hoffe auch nicht, dass ich am Ende wie Hans Castorp sieben Jahre ins Sanatorium muss. Erstmal lege ich mich mal wieder hin.

Dienstag, 2. Dezember 2008

Aller guten Dinge sind drei

Aller guten Dinge sind drei, sagten sich Rheinhold Messbecher und ich und flogen erneut nach London. Diesmal nicht mit dem vollen Touri-Programm, sondern primär um die gute alte Welt- und WamS-Tina zu besuchen, die seit August UK-Wirtschaftskorrespondentin ist. Das ist sie in spannenden Zeiten: sie berichtet über staatliche Events, auf denen einstige Banker zu Lehrern umgeschult werden. Sie trifft Finanzmanager, die mithilfe eines Coaches, Sprich: eines Psychotherapeuten, gerade noch aus der persönlichen Krise befreit wurden. Und sie berichtet von prognostizierten 370.000 verlorenen Jobs allein in London und von einem ausgestorbenen Banken-Viertel, von leeren Restaurants in den Docklands.

Wirtschaftlichen Mut bewiesen dagegen ausgerechnet die Deutschen. Erstmals gibt es an der Themse einen Kölner Weihnachtsmarkt: mit Gulasch, Sauerkraut, Germknödeln, Kölsch und - wenig authentisch - nur einem einzigen Glühweinstand. Das Projekt scheint sich sorecht nicht zu lohnen, zumindest beschwerten sich die Verkäufer über schlechte Umsätze und eine zu volle Stadt - typisch deutsch eben. Eine Neuentdeckung gab es dann aber doch: Krawatten aus Holz, die kamen allerdings nicht aus Good Old Germany, sondern waren Made in London.

Außerdem genossen wir das bunte Treiben in Nottinghill, gingen einen geführten London Walk zum Thema "Haunted London" mit, der mir eine amtliche Erkältung beschert hat, gingen in Chinatown schlemmen und in Camdens Pubs feiern. London kann man ruhigen Gewissens dreimal im Jahr besuchen, genug Programm bietet diese lebendige Metropole.

Mittwoch, 26. November 2008

So bunt wie das Leben

Die Stiftung für Blinde und Sehbehinderte Frankfurt bat mich, einen Artikel über meine Arbeit beim BSVH und die Weiterbildung zum PR-Junior-Berater zu schreiben. Der Bericht dient als Information für potenzielle Teilnehmer am nächsten Schulungsjahrgang, der im kommenden Jahr beginnt. Hier folgt mein Artikel:

So bunt wie das Leben

von Heiko Kunert

Heiko Kunert nimmt an der Weiterbildungsmaßnahme zum PR-Junior-Berater teil. Der 31jährige, blinde Hamburger berichtet hier über sein Leben in der PR-Welt.

Alles ist neu und aufregend. Und dabei bin ich bereits seit einem Jahr in meinem Job. Mich ruft heute zum ersten Mal in meinem Leben ein Drehbuchschreiber des ZDF an, der eine Folge von „Soko Wien“ schreibt. Ein Krimi, in dem Blinde vorkommen. Der Autor hat privat noch nie mit blinden Menschen Kontakt gehabt. Er fragt frei heraus: „Wie leben Blinde? Sind Wohnungen von ihnen immer aufgeräumt und ordentlich? Was arbeiten sie?“ Ich beantworte ausführlich und geduldig.

Ich arbeite für den Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg (BSVH). Das ist der praktische Teil meiner Weiterbildung zum PR-Junior-Berater. Zwei Jahre lang sammele ich Erfahrung im Berufsleben, lerne, was PR– sprich: Public Relations – bedeutet. Und PR kann so viel bedeuten. Ich erlebe in meinem Praktikum, dass PR so abwechslungsreich, so bunt sein kann wie das Leben selbst.

Nachdem ich dem Drehbuchschreiber noch drei Broschüren zum Thema Leben mit einer Sehbehinderung zugemailt habe, bereite ich mich auf ein Interview vor. Ein Journalist vom Hamburger Abendblatt berichtet über eine 19jährige Frau, die gerade erblindet. Er möchte wissen, was wir als Verein für Menschen, die ihr Augenlicht verlieren, tun können. Und er möchte sich mit mir unterhalten, weil ich selbst erst mit sieben Jahren erblindet bin: „Wie war das für Sie? Was sind die größten Probleme?“ Manche seiner Fragen kann ich inzwischen routiniert beantworten. Seit ich beim BSVH arbeite wurden sie mir schon etliche Male gestellt. Andere wiederum höre ich zum ersten Mal. Ich denke nach und komme zu neuen Schlüssen, zu neuen Antworten, die meinen persönlichen Horizont weit über die reine Arbeit hinaus erweitern.

Für solche Momente liebe ich den Job: Für die vielen Menschen, die ich durch ihn kennen lerne, für die unterschiedlichen Ansichten, über die es sich nachzudenken lohnt, für die vielen Erfahrungen, die ich seit vergangenem Jahr machen durfte.

Ich nehme an einer Tandem-Tour durch Hamburg teil, um anschließend darüber für die Medien zu schreiben. Ich gehe zu einem Treffen unserer Führhundhalter-Gruppe, um den Verein genauer kennen zu lernen und lerne ganz nebenbei etwas über Hunde-Erziehung. Ich ertaste ein 75 Jahre altes Museumsschiff, weil die Betreiber testen möchten, ob es für sehbehinderte Menschen begehbar ist.

Natürlich ist die Arbeit nicht immer spaßig. Schließlich ist sie Arbeit, häufig harte Schreib- und Denkarbeit: Ich verbringe Stunden damit, die Tageszeitung im Internet zu lesen. Unser Verein muss wissen, was in der Stadt geschieht, in welchem gesellschaftlichen und politischen Umfeld er sich bewegt. Ich muss wissen, was die Medien wünschen und welche Themen die Journalisten interessant finden könnten. Ich sitze manchmal tagelang an ein und derselben Pressemitteilung, formuliere um, verwerfe sie komplett und fang von vorn an. Der Text soll am Ende so sein, dass ein Journalist ihn optimal verwenden kann. Und nicht selten wird die Pressemitteilung trotzdem nirgends abgedruckt, weil die Redaktionen Hunderte solcher Nachrichten am Tag bekommen. All mein Herzblut für den Papierkorb. Und ich trete mit meiner Arbeit auch mal jemandem auf die Füße. PR ist nämlich nicht nur Pressearbeit, sondern vor allem interne Kommunikation. Ich versuche mit meiner Arbeit, den Informationsaustausch innerhalb des Vereins anzuregen, für zeitgemäße Veränderungen zu werben. PR-Schaffende sitzen immer an der Nahtstelle zwischen Innen und Außen. Ganz gleich, ob sie für ein Unternehmen, eine Behörde oder einen gemeinnützigen Verein arbeiten. Ich versuche die Angebote und Ansichten des BSVH in die Medien und die Hamburger Gesellschaft zu transportieren. Gleichzeitig bringe ich Infos, Entwicklungen und Meinungen von Außen in den Verein hinein. Da ist Fingerspitzengefühl gefragt, aber auch die Lust am Streiten für die eigene Meinung.

Und all das kann ermüdend sein. Es kann auch einmal nerven, immer wieder für die PR-Position werben zu müssen, die selben Argumente gegenüber Journalisten oder innerhalb des BSVH gebetsmühlenartig zu wiederholen. Und doch liebe ich meine Ausbildung. Es ist nämlich umso fabelhafter, wenn es eine Aussage des BSVH in die Medien schafft. Ich habe in solchen Momenten einen kleinen Beitrag dazu geleistet, dass sehbehinderte und blinde Menschen öffentlich wahrgenommen werden. Und wenn ich sehe, dass sich auf unserer Vereins-Homepage viel tut, und wir – seit Beginn meiner Arbeit – im Google-Ranking weiter nach oben gekommen sind, und wenn nach meinen permanenten Besuchen von Wahlkampf-Veranstaltungen schließlich eine Erhöhung des Blindengeldes im Koalitionsvertrag landet, Dann freue ich mich. Dann weiß ich, dass ich für den richtigen Job lerne.

Ich lerne jeden Tag, nicht nur auf meiner Arbeit selbst, sondern auch immer wieder in Frankfurt am Main. In der dortigen Stiftung für Blinde und Sehbehinderte finden ca. alle zwei Monate unsere theoretischen Schulungen statt. In viertägigen Blockseminaren lernen wir alles über Public Relations. Einige Themenbeispiele: professionelles Schreiben von Texten, soziale und kommunikative Kompetenz, Geschichte der PR, Arbeitsbereiche der PR. Und auch in den Schulungen ist das Themenspektrum sehr breit. Hier gilt, dass es manchmal anstrengend ist, Kommunikationsmodelle auswendig zu lernen oder sich den Kopf über PR-Konzepte zu zerbrechen. Und doch ist es nötig, schon allein, um die Prüfungen im kommenden Jahr bestehen zu können. Und es gibt immer wieder Momente, in denen meine praktische Arbeit und die Theorie der Seminare plötzlich ineinander greifen. „Das hab ich doch schon in Hamburg so erlebt“, denke ich bei manchem theoretischen Modell. Und andersherum denke ich beim BSVH plötzlich an Dinge, die ich in Frankfurt nur als abstrakt empfunden habe. Plötzlich werden die Grundlagen von PR-Konzepten von mir ganz praktisch umgesetzt.

Sieben sehbehinderte und blinde Teilnehmer lernen PR. Sie alle arbeiten in ganz unterschiedlichen Unternehmen: in einer Werbeagentur, bei einem Hörbuch-Download-Portal oder beim Deutschen Roten Kreuz. Praxisnah erlernen wir den Aufbau und die Pflege von Kontakten zu den Medien, professionelles Recherchieren, das Erstellen von Informationsmaterial und Pressemitteilungen, die Planung und Durchführung von Events, die Konzeption von Kommunikationsstrategien und anderes mehr. Voraussetzungen für die Teilnahme sind die allgemeine Hochschulreife und eine abgeschlossene Berufsausbildung und /oder ein Studium. Neben dem Interesse an der Informationsvermittlung brauchen die Teilnehmer ausgezeichnete Deutschkenntnisse. Sicherer Umgang mit dem PC, dem Internet und den blindentechnischen Hilfsmitteln sind für den Job und die Ausbildung ein Muss. Die Ausbildung endet mit einem Zertifikat der Akademie für Kommunikationsmanagement (AKOMM). Die Weiterbildung sowie die dafür erforderlichen Hilfsmittel werden von den zuständigen öffentlichen Kostenträgern finanziert. Die nächste Ausbildungsgruppe beginnt in der ersten Jahreshälfte 2009.

Ganz gleich, ob ich bei Hamburger Politikern für eine barrierefreie Stadt werbe, an einem medizinischen Text für unsere Vereinszeitschrift sitze oder im stickigen Seminarraum über einem Fallbeispiel grübele, immer wieder greifen diese so verschiedenen Aspekte der PR ineinander. Immer wieder zwingt mich die Arbeit, meine Ansichten zu hinterfragen. Immer wieder sehe ich die Welt neu. Wer Lust an anderen Ansichten hat, wer sich gern mit anderen Menschen austauscht, wer gern schreibt, liest und kommuniziert, der oder die wird in der Ausbildung zum PR-Junior-Berater seinen Job fürs Leben finden.

Nähere Infos zur Ausbildung gibt die

Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte

Ursula Hollerbach

Adlerflychtstr. 8-14

60318 Frankfurt am Main

Tel.: 069 955124-61

E-Mail: hollerbach@sbs-frankfurt.de

Internet: www.sbs-frankfurt.de

Montag, 24. November 2008

Der klingelnde Ball

Wenn man "FC St. Pauli" hört, denkt man für gewöhnlich an Fußball und an eine etwas andere Fankultur. Man denkt aber nicht an Blindensport. Außer wenn man weiß, dass der FC St. Pauli sich stark im Sport für sehbehinderte und blinde Menschen engagiert. So hat der Verein neben einem Blindenfußball-Angebot seit mehreren Jahren eine Torball-Mannschaft. Was ist Torball?

"Torball ist einer der wenigen Mannschaftssportarten, die von Blinden und Sehbehinderten gespielt werden kann. Die Spielerinnen und Spieler sind ausschließlich auf das Gehör angewiesen. Alle tragen eine lichtundurchlässige Dunkelbrille, damit Chancengleichheit zwischen Spielern mit und ohne Sehrest besteht. Torball wird mit einem Klingelball (in seinem Inneren befinden sich Glöckchen) gespielt. Durch sein Geräusch können ihn die Aktiven jeweils genau orten.

Das Spielfeld: Das Torballfeld hat die Abmessungen 7 m x 16 m, wobei die 7 m lange Grundlinie zugleich die Torlinie bildet. Das Tor hat eine Höhe von 1,3 m. Vor beiden Toren befinden sich die Mannschaftsräume von 6 m x 7 m, in denen sich die Aktiven aufhalten und die sie nicht verlassen. Die Mannschaftsräume sind gegen vorne durch die 40 cm hoch, quer über das Spielfeld gespannten und mit Glöckchen versehenen Leinen begrenzt. Eine gleiche dritte Schnur ist analog zu den beiden anderen über der Mittellinie gespannt. Der Ball darf keine der drei Leinen berühren oder überspringen. Die drei vor dem Tor angebrachten Matten dienen den SpielerInnen zur räumlichen Orientierung. Ein Spiel dauert 2 x 5 Minuten. Die Zeit wird in gewissen Situationen angehalten, so zum Beispiel bei Auswechslungen, Time out, Freiwurf und Penalty. In einem Torballteam befinden sich mindestens 3 SpielerInnen sowie 1 bis 3 AuswechselspielerInnen. Der Spielgedanke besteht darin, dass die angreifende Mannschaft versucht, den 500 g schweren Ball unter den Leinen hindurch, an den abwehrenden SpielerInnen vorbei ins Tor zu spielen. Das verteidigende Team versucht, den Ball abzuwehren, um dann sofort selber in den Angriff überzugehen, um ein Tor zu erzielen. Der Ball muss spätestens nach 8 Sekunden, nachdem ihn eine Mannschaft unter Kontrolle gebracht hat, auf die gegnerische Seite gespielt werden" (zitiert nach der St.-Pauli-Homepage).

Am vergangenen Samstag fand in Hamburg das 15. Louis-Braille-Torball-Turnier statt. Sieben Mannschaften namen daran teil. Da es der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg war, der dieses Turnier 1994 ins Leben gerufen hatte, durfte ich die Sieger-Ehrung im Pauli-Clubheim vornehmen. Ich übergab den Pokal an das Team aus Borgsdorf, das erstmals den Cup holen konnte. Auch an dieser Stelle einen herzlichen Glückwunsch!

Die Torballer des FC st. Pauli treffen sich übrigens jeden Montag in der Zeit von 19:30 – 21:30 Uhr in der Sporthalle der Blinden- und Sehbehindertenschule, Borgweg 17 a, Hamburg, zu ihrem Training.

Samstag, 22. November 2008

Ü30 in Concert

Tomte geben ein ausverkauftes Konzert in der Großen Freiheit. Die bezauberndste Anna und ich waren dabei. Am gestrigen Freitag spielten Thees Uhlmann und Band satte zwei Stunden Songs vom aktuellen Album Heureka und ihre modernen Klassiker. Sie und ihr Publikum zelebrieren die Mischung aus Melancholie und Voran-Voran. Der Sound ist klar, perfekt abgemischt. Die Große Freiheit ist akustisch immer noch eine der besten Live-Locations der Stadt. Tomte und Fans freuen sich darüber, dass Obama Präsident wird, dass man sich auch mit über 30 noch für Rockmusik interessiert, und darüber, dass man gerade in Hamburg ist. Wer kann, sollte heute zum Zusatz-Konzert, für das es noch Karten gibt, gehen.

Dazu auf Blind-Pr:

Von rauhen Gesellen und verträumten Frauen - oder umgekehrt?

Ü30 auf dem Spielplatz

Ein Tag "nur für Erwachsene" auf einem Indoor-Spielplatz, das klingt etwas befremdlich. Und ich gestehe es, als Tante Trevor anlässlich ihres Geburtstages ins Rabatzz nach Stellingen einlud, war ich zunächst skeptisch. "Das ist doch Kinderkram", habe ich gedacht und: "hört die Infantilisierung der Gesellschaft denn nie auf?" Und doch sagte ich zu - Tante Trevor könnte ihren Geburtstag auch in einem Stummfilmkino oder in einer Bilder-Gallerie feiern, ich würde kommen; man hat nicht viele Freunde vom Schlage der Trevors!

Und so fanden wir uns am Donnerstag Abend im Rabatzz ein. Zunächst war ich überrascht, wie voll es dort schon vor dem Eingang war. Drinnen hieß es erstmal die Schuhe ausziehen. Und langsam kam die Kinder-Geburtstagsstimmung auf, die unsereins Mitte der 80er Jahre zum letzten Mal gefühlt hatte. Das wurde durch die Menüs, aus denen wir wählen konnten, noch verstärkt: Spaghetti mit Sauce, Bratwurst mit Pommes, Chicken Nugets mit Pommes oder Salamipizza. Dazu wurde Apfelschorle gereicht. Und um uns herum tobten die Kinder. Nur waren diese alle zwischen 20 und 40. Sie und wir krochen durch Labyrinthe, balancierten auf mehr oder minder hohen Seil- und Wackel-Brücken, setzten mit Mini-booten auf dem Grund des Wasserbeckens auf, rutschten zehnmal die über 30 Meter lange Rutsche herunter (gerade, zu zweit, zu zehnt, manche von uns quer, andere im Stehen), sprangen auf Trampolinen und in Hüpfburgen, prügelten mit Gummi-Knüppeln aufeinander ein, schaukelten in Hänge-Sesseln, bewarfen uns mit Bällen. Und alle waen ganz ungeniert, manche beinah ernsthaft, dabei. Schön waren auch die Ausrufe über die Lautsprecher: "Die Klasse 49B trifft sich an der Kasse....Der kleine Lulatsch soll zum Ausgang kommen..." Drei Stunden vergingen wie im Flug. Mein Fazit: Ja, der Abend war Kinderkram. Ja, die Infantilisierung der Gesellschaft schreitet unaufhörlich voran. Und: es hat Riesenspaß gemacht - Danke Tante Trevor

Mittwoch, 19. November 2008

Blind-PR 2.0

PR bedeutet Kommunikation. Der Inbegriff schneller und direkter Kommunikation im Internet ist das Web 2.0. Was davon letztlich relevant bleiben wird, das kann kaum jemand voraussagen. Die Möglichkeiten aber gar nicht erst zu nutzen und nicht zu testen, das halte ich für falsch. PR bedeutet auch transparenz. Und für Transparenz können soziale Netzwerke, Blogs und Microblogs sorgen. Und noch ein Argument für das Web 2.0 ist ganz persönlicher Natur: im WWW kann ich mich dank Screenreader und Braillezeile ganz eigenständig bewegen. Ich kann zu gewünschten Personen genauso Kontakt aufnehmen wie meine sehenden Kollegen. Meine Behinderung spielt hier erstmal keine Rolle. Die Hemmschwelle mit mir Kontakt aufzunehmen ist für mein sehendes Gegenüber niedriger als in der "realen" Welt.

Somit finden Sie mich jetz auch bei Facebook und bei Twitter. Bei Xing bin ich ja bereits seit 2007 aktiv. Ich würde mich freuen, Sie in meinen Netzwerken zu treffen!

Außerdem habe ich Blind-PR um einige Features ergänzt, so können Sie die Artikel und Kommentare jetzt noch bequemer mit Ihrem Newsreader abonnieren. Unter der Überschrift "Blind-PR-Leser" können Sie sich öffentlich als regelmäßiger Besucher dieses Blogs "outen". Und klicken Sie doch nach der Lektüre der Posts kurz auf die Reaktionsflächen, wenn Sie einen Artikel besonders lustig, interessand oder cool fanden. Apropos Reaktionen: wenn Sie mir Feedback geben möchten oder Sie weitere Anregungen haben, dann hinterlassen Sie einen Kommentar!

Sonntag, 16. November 2008

Abgründe des Bösen

Dieser Claude Chabrol. Der hat es echt drauf, die Abgründe der bürgerlichen Gesellschaft exzellent zu verfilmen. Was soll man bei diesem Wetter tun, wenn nicht einen französischen Film Noire anschauen? So legten die bezaubernde Anna und ich heute "die Blume des Bösen" in den DVD-Player. Auch wenn ich den Film schon mehrfach gesehen - obwohl ich blind bin, sage ich nicht gehört - hatte, fand ich ihn auch heut großartig. Wie in jedem oberflächlichen Satz die gegenseitige Verachtung der Familienmitglieder mitschwingt, wie die Risse in der Fassade immer größer werden, wie die Geschichte zeitlos immer wieder zuschlägt, ist packend und dennoch ganz ruhig inszeniert. "Die Blume des Bösen" ist vielleicht nicht der beste Chabrol, aber besser als viele andere Filme - und für einen November-Sonntag besser geeignet als ein langweiliger "Tatort".

Freitag, 14. November 2008

Würdiges Gedenken

Der Louis-Braille-Platz nimmt Gestalt an. Am 4. Januar wird eingeweiht. An diesem Tag wird sich der Geburtstag des Blindenschrift-Erfinders zum 200 Mal jähren. Um 11.00 Uhr gibt es eine Feier auf dem Bahnhofsvorplatz Hamburger Straße. Dabei wird Kultur-Senatorin Karin von Welck eine Rede halten. Wir werden Blindenschrift lesen. Eine Gedenktafel wird aufgestellt - leider nicht am Bahnhofsgebäude. Die Hochbahn hat nicht eingewilligt, die Gedenktafel dort anbringen zu dürfen. Verunstaltet das Gedenken an einen Mann, der Millionen von blinden Menschen Bildung und einen Zugang zur Literatur und zu Informationen ermöglicht hat, ein U-Bahn-Gebäude? Anscheinend. Erstmals erhält ein Straßenschild in Hamburg eine zusätzliche Erläuterungstafel in Blindenschrift. In sehr konstruktiver Zusammenarbeit mit dem Bezirksamt Nord konnte dies verwirklicht werden. Ich freue mich persönlich sehr über die Würdigung Brailles durch Hamburgs Politik. Schließlich ging die Initiative für die Umbenennung von unserem Verein aus. Der Platz ist in unmittelbarer Nähe zum Louis-Braille-Center, dem Dienstleistungszentrum des BSVH. Jeder, der es zukünftig per Bahn oder Bus ansteuert, wird über den Louis-Braille-Platz gehen. Hinzu kommen die Besucher des Einkaufszentrums Hamburger Straße, in dem sich neben Geschäften zum beispiel auch die Schulbehörde befindet. Hamburg gedenkt einem großen Mann, würdig und an sehr passender Stelle.. Danke an alle, die zu diesem Erfolg beigetragen haben, insbesondere an die FDP im Bezirk Nord, die Mitarbeiter des Bezirksamtes Hamburg-Nord und an Senatorin von Welck!

Dienstag, 11. November 2008

Das spricht für sich selbst

Am Samstag, 15. November 2008, bietet die Messe "Trends und Technik für Zuhause" Hilfsmittel. Zwischen 10 und 17 Uhr können sich die Hamburgerinnen und Hamburger im Louis-Braille-Center, im Holsteinischen Kamp 26, informieren. Über 20 Aussteller aus ganz Deutschland präsentieren Hilfsmittel für Haushalt, Hobby, Gesundheit und Freizeit. Das Besondere: alle Produkte sind für blinde und sehbehinderte Menschen geeignet.

Die Produkte sprechen häufig für sich selbst. Ein Beispiel: Gaudio-Braille präsentiert einen sprechenden Ipod. Eine gut verständliche Stimme liest Menüs und Titel-Infos vor und macht somit Blinden und Sehbehinderten den Gebrauch möglich. Der sprechende Ipod steht für den Gedanken, den alle Aussteller am Samstag teilen. Alle Produkte ermöglichen es Menschen, deren Augenlicht nachlässt, wieder am Leben teilzunehmen, selbstständig und zuversichtlich.

„Trends und Technik für Zuhause“ wendet sich nicht nur an blinde und sehbehinderte Menschen, sondern gerade auch an deren Angehörige. Es besteht am Samstag die Möglichkeit, vor Ort einzukaufen. So können z. B. Weihnachtsgeschenke für die Eltern oder Großeltern, die an Makula-Degeneration oder Grünem Star erkrankt sind, gekauft werden. vielleicht ist ja die geeignete sprechende Uhr, ein sprechendes Blutzucker-Messgerät oder ein sehbehindertengerechtes Brettspiel für Sie dabei. Vorbeischauen kostet nichts, kann Ihren Angehörigen aber helfen.

Donnerstag, 6. November 2008

Selbstverständlich behindert

Barack Obama in seiner Siegesrede: "Hallo, Chicago. Wenn es da draußen irgendjemand gibt, der noch zweifelt, dass Amerika ein Ort ist, wo alles möglich ist, der sich noch fragt, ob der Traum unserer Gründer heute lebendig ist, der Fragen zur Kraft unserer Demokratie aufwirft, hat heute eine Antwort bekommen. Es ist die Antwort, die von den Warteschlangen vor Schulen und Kirchen gegeben wird, in Zahlen, die diese Nation nie gesehen hat, von Leuten, die drei Stunden und vier Stunden gewartet haben, viele zum ersten Mal in ihrem Leben, weil sie glaubten, dass es dieses Mal anders sein muss, dass ihre Stimmen diesen Unterschied ausmachen können. Es ist die Antwort, die von Jungen und Alten gegeben wird, von Reichen und Armen, Demokraten und Republikanern, Schwarzen, Weißen, Hispanics, Asiaten, Indianern, Schwulen und Heterosexuellen, Behinderten und Nichtbehinderten. Von Amerikanern, die der Welt eine Botschaft geschickt haben, dass wir keineswegs nur eine Ansammlung von Einzelmenschen oder eine Kollektion von roten und blauen Staaten sind. Wir sind die Vereinigten Staaten von Amerika und werden das immer sein." (nach: diepresse.com)

Wann wird endlich ein deutscher Bundeskanzler oder -Präsident so selbstverständlich das Wort "Behinderte" in einer bedeutenden Rede benutzen?

Mittwoch, 5. November 2008

Eine andere Liga

Er hat es geschafft. Barack Obama wird Präsident - und die ganze Welt freut sich. Welche Hoffnungen Obama erfüllen wird, das bleibt offen. Und sicher wird auf Euphorie irgendwann Desillusionierung folgen. Nichtsdestotrotz hat Amerika beeindruckend gezeigt, dass es eine funktionierende Demokratie ist und das es in den USA nicht nur christlichen Fundamentalismus und Marktradikalismus gibt. Ich hoffe, dass diese Erkenntnis in Europa nicht so schnell wieder vergessen wird. Antiamerikanismus ist plump und dumm. Und doch wird er früher oder später wieder aufflammen, wenn Obama international amerikanische Interessen vertritt. Und das wird er tun, das verlangt sein neues Amt, undzwar zurecht. Er wird es charmanter tun als Bush. Politischer Stil ist nicht unerheblich für die Wirkung in der Gesellschaft. In Sachen Stil verkörpert Obama den besonnenen, aber notwendigen Wandel. Gut denkbar, dass er die USA ökonomisch und militärisch stärken wird. Das wird für Europa nicht immer einfach sein.

Und Obama hat neue Maßstäbe an Politik-Performance gesetzt. Man denke nur an seine großartigen, perfekten Reden, das bewegende Timbre in seiner Stimme, seine empathische Wortwahl. Und vom PR-Standpunkt aus waren seine Wahlwerbespots berauschend. Der 30-Minuten-Spot zur Primetime war einzigartig. Stefan Niggemeier spricht zurecht von der Mutter aller Wahlwerbespots.

Aber gut, medial sind uns die Vereinigten Staaten ohnedies weit überlegen. Wer heute Nacht gezappt hat, konnte bei CNN Wahlbericht-Erstattung sehen, die spannend und professionell war wie Sport-Berichte, ohne dabei niveaulos zu sein. Im Ersten dagegen konnte man Monika Lierhaus im inhaltsleeren Plausch mit Tom Buhrow sehen, der sich nostalgisch seiner Highschoolzeit im Wisconsin der späten 70er Jahre erinnerte und riet, ein Land nie nach dessen Regierung zu beurteilen. Schließlich hätten wir Deutschen ja in den 30ern auch eine merkwürdige Regierung gehabt. - hm, hatten wir diese nicht mehrheitlich gewählt? - Und das ZDF brachte passend zur Tageszeit konsequent Programm zum Einschlafen. Vielleicht mögen ja unsere Politiker und TV-Schaffenden auch einmal von Amerika und Obama lernen. Zumindest unterhaltsamer wären Wahlen und Medien dann.

Montag, 3. November 2008

Blinde Gucken

Am Samstag war ich mal wieder im Kino. Wie Rheinhold Messbecher so schön sagte: "lasst uns Blinde gucken!" "Die Stadt der Blinden" stand auf dem Abaton-Programm. Ich war gespannt. Erstens hatte ich die deutsche Hörspielfassung (NDR 2001) dereinst erschütternd famos gefunden, und zweitens hatte kein Geringerer als Fernando merielles Regie geführt, dessen "ewigen Gärtner" ich liebe. Gut, es waren alle wesentlichen Szenen auch im Film vorhanden. Es war dem brasilianischen Regisseur gelungen, den als unverfilmbar geltenden Roman-Stoff auf die Leinwand zu bringen. Einige Male - so habe ich mir von sehender, zuverlässiger Begleitung flüstern lassen - wurde das Thema Nicht-Sehen-Können mit filmischen Mitteln intelligent verarbeitet. Die Schauspieler - insbesondere Julianne Moore - waren gut. Aber mehr war es auch nicht. Mir war "die Stadt der Blinden" nicht grausam genug, dem schonungslosen Stoff nicht angemessen. Wie kann man diesen Stoff mit einem leichten Soundtrack unterlegen, der eher in einen Wim-Wenders-Film gepasst hätte? Und der gleichnishafte Charakter der Vorlage kam kaum noch zur Geltung. Vielleicht ist das insgesamt schwer in einem so eindeutigen Medium wie dem Spielfilm. Die Menschen wurden blind, stolperten durch die Gegend, hilflos, verirrt, allein, isoliert. Und dabei konnten wir ihnen ein bisschen zuschauen, ein bisschen ängstlich und bewegt sein. Ob der Zuschauer mehr in diesem Streifen erkennen kann? Kann der Zuschauer erkennen, dass es Saramago um den Kampf zwischen Menschlichkeit und Egoismus in gesellschaftlichen Krisenzeiten ging? Ich bezweifle es und empfehle daher doch Hörspiel und Buch.

Freitag, 31. Oktober 2008

Radiosendung 121

Einmal im Monat sitze ich im Radiostudio des Louis-Braille-Centers. Der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg produziert Sendungen für das Hamburger Lokalradio. Eine Sendung ist der BSVH-Treff. Am kommenden Sonntag läuft die 121. Ausgabe. Im Gespräch mit Moderator Ralf Bergner werde ich auf den erfolgreichen Infotag "Durchblick" zurückschauen. Ich werde auf die Produktschau "Trends und Technik für Zuhause" hinweisen, die am 15. November in Hamburg stattfinden wird. Auf dieser Messe für sehbehinderte und blinde Menschen können Hilfsmittel für Hobby, Haushalt, Freizeit und Gesundheit ertastet, erlauscht und betrachtet - und gleich gekauft werden (Weihnachten steht vor der Tür). Und schließlich werde ich im nächsten BSVH-Treff berichten, dass blinde Menschen unter der Hamburger Telefonnummer 19449 Fahrplan-Aushänge in Blindenschrift bestellen können. Der Hamburger Verkehrsverbund bietet diesen Service zusammen mit unserem Verein an. Im dezember wird auf den Winterfahrplan umgestellt. Damit auch blinde Menschen wissen, wann Bus, S- oder U-Bahn vor der Haustür abfahren, gibt es die Aushänge kostenlos in Braille. Weitere Themen am Sonntag um 17.00 Uhr: ein ausführlicher Bericht von der Messe „Durchblick“, das Berufsbildungswerk in Hamburg Eidelstedt, Eisenbahnnostalgie in Oberbayern, eine Reportage aus Dietrichshagen in Mecklenburg-Vorpommern, die Führhundhaltergruppe des BSVH, Elke Fiebiger im Porträt und der Veranstaltungskalender. Die bunte Sendung für blinde, sehbehinderte und nichtbehinderte Hörer läuft jeden ersten Sonntag im Monat um 17:00 (Wiederholung am Sonntag darauf um 7:00 Uhr) auf UKW 96,0, im Hamburger Kabel auf 95,45 und als Podcast unter www.bsvh-treff.org. Übrigens feierten Bergner und sein Team von ehrenamtlichen Radio-Begeisterten im Oktober Zehnjähriges. Herzlichen Glückwunsch!

Dienstag, 28. Oktober 2008

Post 100

Gut, eigentlich könnte ich jetzt noch eine Seite für unsere Homepage erstellen. Ich könnte auch bei einigen Politikern für die Belange blinder und sehbehinderter Menschen bei sog. Shared-Space-Flächen werben. Ich könnte auch einen Führhundhalter suchen, damit eine Journalistin ihn begleiten kann. Ich könnte auch noch die Einweihungsparty für den Louis-Braille-Platz vorbereiten, die am 4. Januar stattfinden soll. Ich könnte auch endlich mal meine Über-Mich-Seite bei Xing aktualisieren. All das tue ich jetzt aber nicht. Ich prokrastiniere lieber: das soll man so! Und ich gratuliere mir lieber selbst zum 100. Blind-PR-Eintrag! So schnell geht das.

Freitag, 24. Oktober 2008

Das Kino der Blinden

"Die Stadt der Blinden" läuft seit gestern im Kino. Der Film bringt die Frage nach der Verfilmbarkeit von Blindheit wieder auf die Agenda. Und die Frage nach den Film-Gewohnheiten blinder Zuschauer. Hierzu einige Auszüge aus meinem Gedankenaustausch mit Strider auf Zoomer.de:

HKunert: Blindheit auf die Leinwand zu bringen, das ist immer ein schwieriges Unterfangen. Ich selbst bin blind und weiß, dass das Bild der sehenden Menschen von uns durch die Medien geprägt ist. Direkten persönlichen Kontakt mit Blinden haben dagegen die wenigsten. Somit kommt Filmen wie "Blindsight", "Erbsen auf halb 6" oder "der Duft der Frauen" eine große Bedeutung zu. Nun geht es bei der "Stadt der Blinden" - ich kenne bisher lediglich das grausam gelungene Hörspiel - ja eigentlich nicht wirklich um die Behinderung Blindheit. Das Nichtsehen ist hier eine Metapher. Hoffentlich versteht das jeder Zuschauer auch so.

Strider: Wirst Du Dir dann den Film trotzdem im Kino ansehen, respektive anhören? Hab mal gehört, dass es in einigen Kinos den Service gibt, dass Sehgeschädigte eine Art Untertitel per Kopfhörer bekommen können, der ihnen erklärt, was gerade zu sehen ist? Von so einer Möglichkeit schon mal Gebrauch gemacht? Wenn ja, ist das hilfreich oder eher störend?

HKunert: Ich sehe mir gern Filme an (ich benutze übrigens auch diese Formulierung, da sie einfach umgangssprachlich so gebraucht wird, auch wenn ich den Film eigentlich ja höre). Für mich funktioniert ein Film mehr wie ein Hörspiel. Und in Dolby-Zeiten wird in Filmen ja auch immer mehr Wert auf guten Sound gelegt. "Die Stadt der Blinden" werde ich gewiss sehen. Den Service mit dem Kopfhörer habe ich schon einmal genutzt. Dabei wird die Audiodeskription - sprich: die Beschreibung von Mimik, Gestik usw. - übertragen. Diese sog. Hörfilme laufen ja auch gelegentlich im TV und sind eine tolle Sache. Da die Beschreibungen passend in die Dialogpausen gesprochen werden, entgeht mir kein Wort und meine sehende Kino-Begleitung kann sich voll auf den eigenen Filmgenuss konzentrieren und braucht mir nichts zu erklären. In Kinos ist dieser Service aber sehr selten.

Strider: Dass Filme für Dich wie Hörspiele sind, habe ich mir schon fast gedacht, aber wie funktioniert das bei Komödien, die ja auch viel von Mimik und Gestik leben? Geht da insgesamt nicht auch einiges am Inhalt verloren?

HKunert: Es gibt tatsächlich Filme, die besser für mich geeignet sind, und es gibt Filme, die für mich kaum Konsumierbar sind. Für mich sind dialogreiche Streifen natürlich ein wesentlich größeres Vergnügen als Filme, die ihre Spannung ausschließlich aus Bildern ziehen. So ist mir z.B. von den Coen-Brüdern ein "Big Lebowski", in dem eigentlich nonstop gesprochen wird und der stark von seinem Wortwitz lebt, lieber als "No country for old Men", in dem stumme Verfolgungsszenen genial umgesetzt sein sollen. Aber klar: Wenn man es aus Sicht eines Sehenden betrachtet, geht mir bei jedem Film etwas verloren, da mir das Visuelle fehlt. Für mich ist ein Film etwas ganz anderes als für Dich. Für mich spielt viel mehr die Fantasie eine Rolle. Aus Geräuschen, Stimmen und Musik setze ich mir ein "Bild" zusammen. Gelegentlich schließe ich das Geschehene erst aus der Folgeszene, weil rein akustisch z.B. nicht sofort klar war, wer jetzt wen erschossen hat. Nur: für mich ist es ja normal, ohne das Sehen zu leben, ob nun bei der Arbeit, am PC, in der U-Bahn oder im Kino. Somit würde mir ja noch mehr verloren gehen, wenn ich mir die Gestik-Mimik-Komödie gar nicht anschauen würde.

Donnerstag, 23. Oktober 2008

Bürgerliche Pflichten und bürgerliches Scheitern

Inspiriert durch die eigene Bühnenerfahrung und durch die zauberhafte Anna mache ich gerade Theater-Wochen. Am vergangenen Mittwoch sahen wir die Buddenbrooks im Thalia-Theater. Die Wieder-Aufführung der John-von-Düffel-Adaption des Thomas-Mann-Klassikers war witzig, schlicht und gelungen. Auf zwei Buddenbrooks-Generationen musste von düffel verzichten. Er konzentrierte sich auf die ökonomischen Zwänge, denen das bürgerliche Leben unterworfen ist. Das war in sich stimmig und klug gelöst, wenngleich die Vielschichtigkeit und breite Anlage des Romans sich nicht auf der bühne fand. Die Schauspieler waren mit enormem Spielwitz dabei und brachten dynamische, kurzweilige, humorvolle und nicht zu nachdenkliche zweieinhalb Stunden Theater auf die Bühne. Sie werden das am 8. Dezember wieder tun

Bedrückender als die Buddenbrooks kam am Samstag Michael Kramer im Ernst-Deutsch-Theater daher. Aber auch bei Gerhart Hauptmann stehen bürgerliche Werte im Zentrum: Pflichterfüllung und Disziplin. Diese fordert der Kunstprofessor Kramer von seinem Sohn Arnold, der sich sein Leben lang dagegen auflehnt und dabei seine Talente verschenkt. Das Scheitern des Sohnes kulminiert in einer unglücklichen Liebe, dem Spott der Gesellschaft und schließlich im Selbstmord des Sohnes. Erst dieser Selbstmord führt zur Reflektion durch den Vater. Uwe Friedrichsen spielt diese viel zu späte Reflektion erschütternd und bewegend. "Michael Kramer" ist kein schönes, aber ein gutes Stück, das Stoff zum Nachdenken an einem Herbstabend liefert. Vorstellungen finden noch bis zum 15. November statt.

Montag, 20. Oktober 2008

Die Funktion der Medien

Der Themenschwerpunkt des Seminars in Frankfurt hieß diesmal "Medienkunde und Medienarbeit der Public Relations". Dabei ist eine fundamentale Frage die nach der Funktion der Medien. Welchen Blick haben einerseits Journalisten und Redakteure und andererseits die PR-Fachleute auf sie?

Wenn ich im Folgenden von Medien spreche, meine ich damit alle journalistisch betreuten Medien wie Zeitungen, Zeitschriften, TV-Programme, Radiosender und redaktionell betreute Web-Angebote. Ich spreche hier nicht von unmittelbaren, direkten Medien wie Blogs, Foren, Chat-Räumen.

Zunächst einmal sind Medien die Arbeitgeber der Journalisten und Redakteure. Für PR-Schaffende sind sie es nicht. PR-Schaffende arbeiten für Unternehmen, Auftaggeber und Agenturen.

Journalisten sortieren die Vielzahl an Ereignissen und Meinungen und bringen sie in eine für die jeweilige Leserschaft, Hörerschaft oder den Zuschauerkreis verständliche Form. Sie ffiltern die relevanten Fakten und informieren somit die Leserschaft usw. Zusätzlich bewerten sie die Informationen in Kommentaren. Journalisten und Redakteure gestalten die Medien. Sie bestimmen über deren Inhalt, politische, sprachliche und bildliche Ausrichtung.

PR-Schaffende haben diesen direkten Einfluss auf die Medien nicht. Sie können lediglich Informationen und Einschätzungen liefern, die die Journalisten aufgreifen können oder nicht. Für PR-Schaffende erfüllen die Medien mindestens zwei Funktionen. Einerseits sind sie eine Informationsquelle. Der PR’ler muss up to Date sein. Er muss wissen, was insbesondere die Themen angeht, die seinen Auftraggeber betreffen. Sprich: Wenn ich für einen Blinden- und Sehbehindertenverein arbeite, sollte ich mich in den Medien darüber informieren, was es an neuen Entwicklungen im Augen-medizinischen Bereich gibt. Ich sollte mich über Augen-Erkrankungen informieren. Mir sollten Entwicklungen in der Behindertenpolitik präsent sein. Wenn der Blinden- und Sehbehindertenverein in Hamburg arbeitet, sollte ich mich über die Hamburger Politik informieren, insbesondere über die Sozial- und Gesundheitspolitik. Nur so kann ich angemessene PR-Arbeit betreiben.

Hiermit sind wir bei der zweiten Funktion, die die Medien für PR-Schaffende haben: Sie sind eine Möglichkeit, mit der Öffentlichkeit in Kontakt zu treten. Die meisten Menschen erhalten ihre Informationen aus Zeitung, TV, Radio und Internet. Erst wenn die Anliegen und Informationen unserer Auftraggeber in den Medien auftauchen, nehmen die Konsumenten unsere Auftraggeber wahr. In der Regel haben PR-Schaffende nicht die Möglichkeit, in den Kommentar-Spalten der Zeitungen aufzutauchen. Sie liefern meist Informationen, die aber selbstredend die Bewertung unserer Auftraggeber zu bestimmten Themen beinhalten können.

Medien sind in der Regel der Aktualität verpflichtet. Journalisten versuchen meist so zeitnah wie möglich über aktuelle Ereignisse und Entwicklungen zu berichten. Sie müssen daher flexibel auf die jeweilige Nachrichtenlage reagieren. PR-Schaffende können dagegen meist längerfristiger und strategischer arbeiten. Sie haben es eher in der Hand, wann sie mit welchem Thema an die Medien herantreten möchten. Nichtsdestotrotz müssen auch sie die Aktualität berücksichtigen, da es ihnen keine Veröffentlichung bringt, wenn sie versuchen, mit veralteten Infos und altmodischen Themen zu arbeiten.

Dienstag, 14. Oktober 2008

Mal ein guter Bestseller

Nachdem meine letzte Bestseller-Lektüre eher eine Enttäuschung war, kann ich heute mal einen Bestseller empfehlen. Henning Mankells "Der Chinese" ist ein intelligenter, spannender und bedrückender Kriminalroman. Auf eine Zusammenfassung der Handlung möchte ich hier verzichten. Nur soviel: der Roman verknüpft das historische Ereignis der Ausbeutung chinesischer Arbeiter beim Bau der US-amerikanischen Eisenbahn im 19. Jahrhundert mit einer Mordserie zu Beginn des neuen Jahrtausends in Schweden. Ich war zunächst skeptisch, hatte doch der Deutschlandfunk im Büchermarkt (Kritik nicht online) diese Verknüpfung konstruiert und unglaubwürdig genannt. Diese Kritik kann ich aber nicht teilen. So etwas kann nur ein Buchkritiker von sich geben, der nicht in historischen Dimensionen denken kann und Handlungsmotive ausschließlich in der psychischen Disposition der Akteure zu sehen vermag. Meiner Meinung nach ist Mankells aktuelles Buch natürlich konstruiert, aber sehr klug und aufrüttelnd, so wie man es vom schwedischen Autor gewohnt ist. "Der Chinese" ist sicher nicht besser als andere Werke Mankells, aber ganz gewiss auch nicht schlechter. Und die ca. neunstündige Lesung von Axel Milberg ist von der ersten Sekunde an packend. Milberg liest so, dass man in jeder Szene, in jedem Wort, in jeder Silbe die Gefahren unserer modernen Welt erahnt - einem Mankell mehr als angemessen.

Samstag, 11. Oktober 2008

ICE-Menschen

Mitmenschen im ICE nach Frankfurt sind immer wieder eine Überraschung, zumal in der familiären Atmosphäre eines Sechser-Abteils. Drei dynamische Damen im Gespräch: "Ein Möhrchen zum Abendbrot reicht mir." "Ich brauch zwei Becher Kaffee und drei Zigaretten zum Frühstück." "Ich habe gestern ein Viertel Paprika eingefroren. Da hab ich Sonntag noch eine Gemüsepfanne zuhaus." "In Nagelstudios arbeiten nur schlecht ausgebildete Personen." "Ich wohne in Frankfurt im Hotel Hamburger Hof. Ich dachte, das klingt nach Heimat."

In Hannover kommt der hessische Geschäftsmann mit reichlich Gepäck. Ein Gepäck-Stück fällt von der Ablage - auf eine der drei dynamischen Damen. Der Herr: "Darf ich Ihnen eine Salbe anbieten, die ich auf Reisen immer dabei habe, weil man sich dabei immer einmal verletzen kann. Ich hole Ihnen Eiswürfel aus dem Bistro."

Schließlich noch der vietnamesische Loi, der seit sechs Wochen in Hamburg lebt. "Als Ingenieur für Schiffsbau finde ich in Frankfurt keinen Job. Im Juni gehe ich nach Shanghai - Chinesisch ist für mich einfacher als deutsch."

Und der blinde PR'ler auf dem Weg zum Seminar: "Mein Handy spricht. Mein PC auch..." Mal schauen, was die Rückfahrt am Dienstag so zu bieten hat.

Donnerstag, 9. Oktober 2008

Durchblick mit kranken Augen

Patienten von altersabhängiger Makula-Degeneration (AMD), Grünem Star (Glaukom) oder anderen Augen-Erkrankungen können sich am Mittwoch beim Infotag "Durchblick" kompetent informieren. Optiker, Hilfsmittel-Hersteller und Selbsthilfe-Gruppen stellen die neuesten Produkte und Dienstleistungen rund um vergrößernde Sehhilfen vor. "Durchblick" findet zwischen 10 und 17 Uhr im Louis-Braille-Center, Holsteinischer Kamp 26 (Nähe U2 Hamburger Straße) statt.

Die Erfahrungen unserer Sehhilfen- und hilfsmittel-beraterinnen zeigen, dass Menschen, die neu mit einer Sehbehinderung konfrontiert sind, häufig nicht wissen, wie viel sie mit den passenden Hilfsmitteln doch noch sehen können. Mit "Durchblick" bieten wir ein Forum für Information und Gedankenaustausch. Fälle wie die beinahe Erblindung mehrerer AMD-Patienten nach einer scheinbar unsachgemäßen Behandlung zeigen, dass man kompetent in eine Behandlung gehen sollte. Um den mündigen Patienten zu fördern, haben wir u. A. die Landesaugenärztin zu "Durchblick" eingeladen. Frau Dr. Hanke wird über Behandlungsmethoden und Krankheitsverlauf von AMD sprechen. Hankes Vortrag gehört zu einer Reihe, die am Mittwoch im Holsteinischen Kamp gehalten wird. Die AMD ist die häufigste Ursache für eine schwere Sehbehinderung bei Menschen über 50 Jahren. Sie betrifft ca. 30 % der 75-85 jährigen. Ca. 2 Millionen Menschen in Deutschland leiden an der altersabhängigen Makula-Degeneration. Mit der Alterung der Gesellschaft steigt Jahr für Jahr die absolute Zahl der Erkrankten an.

"Durchblick" findet im Rahmen der "Woche des Sehens" statt. Sie macht alljährlich auf die Situation blinder und sehbehinderter Menschen aufmerksam. Alle Termine und Hintergrund-Infos finden Sie auf www.woche-des-sehens.de. Der BSVH veranstaltet "Durchblick" inzwischen zum zweiten Mal, nachdem der Infotag im vergangenen Jahr mit weit mehr als 200 Besuchern auf sehr große Resonanz stieß.

Vortragsreihe am 15.10.2008 im Louis-Braille-Center, Holsteinischer Kamp 26, Raum Elbe:

  • 11.00 Uhr: Aktiv zuhause und sicher unterwegs, Herr Köwing, Schweizer Optik
  • 11.45 Uhr: Kantenfilter und Beleuchtung, Herr Kurzhals, Schröder Optik
  • 12.45 Uhr: Die Orthoptistin – ein Beruf stellt sich vor, Frau Sossidi-Petersen, Orthoptistin
  • 14.00 Uhr: Altersbedingte Makula-Degeneration - Krankheit und Therapien, Dr. Med. Hanke, Augenärztin
  • 14.45 Uhr: "Mein Sehen bekam ich nicht zurück, aber meine Zuversicht" – mit der Sehbehinderung leben, Frau Schacht, Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg

Nachfolgende Aussteller werden informieren und vergrößernde Sehhilfen sowie spezielle Leuchten vorstellen:

  1. Eschenbach
  2. Optiker Bode
  3. Optiker Kelb
  4. Schröder Optik
  5. Schweizer Optik
  6. Reinecker GmbH, deutscher Vertrieb für The Daylight Company Ltd.
  7. Pro-Retina
  8. Glaukom-Selbsthilfe

Dienstag, 7. Oktober 2008

Das müssen Sie gelesen haben

Welche zehn Bücher muss man meiner Meinung nach gelesen haben? Das fragt zurzeit eine Blogparade. Eine schwierige Frage, die ich vielleicht in einem Monat wieder ganz anders beantworten würde. Aber was soll's?

  • Hermann Hesse: Demian. Damals im Deutsch-LK gelesen, ist es für mich elementar. Es ist wohl eines der klügsten Bücher, die ich kenne. Schöner und anschaulicher kann man Psychoanalyse nicht in Prosa verwandeln - außer vielleicht Hermann Hesse in "Narziß und Goldmund".
  • Erich Maria Remarque: Im Westen nichts neues. Literarisch vielleicht nicht erste Wahl. Inhaltlich und in Sachen Eindringlichkeit aber ungeschlagen. Wer endlich alle Illusionen zum Thema Krieg verlieren möchte, der sollte das Buch lesen.
  • Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Klingt jetzt vielleicht stereotyp, aber "Faust" ist zurecht ein Klassiker.
  • Nikolaus Lenau: Faust. Zu unrecht kein Klassiker ist die Faust-Fassung von Nikolaus Lenau, dabei ist sie so wundervoll düster und pessimistisch.
  • Nick Hornby: High Fidelity. Mal etwas leichtere Kost. Liebe, Pop und die Suche nach Glück in einem swingenden Schreibstil. Nach der Lektüre werden auch Sie beginnen, eine Laura fürs Leben zu suchen.
  • Thomas Mann: Buddenbrooks. Da ich an dieser Stelle nicht das Gesamtwerk des Meisters empfehlen kann, beschränke ich mich auf seinen berühmtesten Roman. Er handelt vom Untergang einer Kaufmannsfamilie und deren Eintauchen in künstlerische, philosophische und existenzielle Fragen des Lebens. Im übrigen grandios in der Hörbuchfassung, die vom einzigartigen Gerd Westphal gelesen wird.
  • Theodor Fontane: Stechlin. Selten habe ich bei einem vermeintlich schweren Buch soviel gelacht. Das launische Spätwerk Fontanes hat soviel geistreiche Komik, soviel Liebe zum Menschen und zum Brandenburger Land - ein Spitzenbuch für ein Herbstwochenende (gibt es übrigens auch von Gerd Westphal gelesen).
  • John Irving: Gottes Werk und Teufels Beitrag. Schön, wie Irving die großen Fragen nach Menschlichkeit und Liebe in die amerikanische Provinz stellt. Die Personen sind einfach zum Liebhaben, obwohl sie mir - begegneten sie einem im wirklichen Leben - wahrscheinlich schnell auf die Nerven gehen würden.
  • Douglas Adams: Per Anhalter durch die Galaxis. Physik, Philosophie und großartiger britischer Humor. Ich empfehle alle fünf Bände.
  • Herbert Marcuse: Der eindimensionale Mensch. Darf man heutzutage noch Marcuse empfehlen? Vielleicht ist nicht alles tragbar, was der Philosoph schreibt. Dennoch ist seine Konkretisierung der Kritischen Theorie mitreißend und anregend zugleich. Im Idealfall (sprich: bei dauerhafter Arbeitsunfähigkeit, Arbeitslosigkeit oder Lust am Denken) sollte die Lektüre durch die Schriften Adornos und Horkheimers ergänzt werden.

Sonntag, 5. Oktober 2008

Das war's dann wohl

Das war's dann wohl. Gestern war die Dernière von "Blindfische und Sehfische". Sie war chaotisch, innovativ, angespannt und fröhlich. Sie brachte den größten Applaus. Gut, der Herr Stromberg-Autor und sein funkiger Bruder im Geiste sind in der Pause gegangen: "Wir sind entsetzt darüber, wofür Du Dich hergibst!" Aber sonst war das Publikum gekommen, um sich zu amüsieren. Es lachte und beklatschte beinah jede Szene - ein schönes Gefühl. Danach feierten Schauspieler und Crew bei Pizza und Bier. Bei einigen Teilnehmern flossen Tränen. Andere planten bereits eine Blindfische-Tournee. Schauen wir mal, was die Zukunft in Sachen Theater so bringt. Ich bin jedenfalls froh über die Erfahrung der letzten Monate und über die Menschen, die ich kennenlernen durfte.

Samstag, 4. Oktober 2008

Dem Karibu sei Dank

Manchmal ist das Abonnieren von Newslettern doch sinnvoll. Im Kampnagel-Verteiler lautete die Gewinnspiel-Frage, welches Tier Sarah Palin dereinst erschossen hat. Wer googelt, der findet: "Karibu" lautete die Antwort. Ich wurde ausgelost und war am Donnerstag im Konzert von Micah P. Hinson. Die zauberhafte Anna und ich hatten zuvor nichts von diesem Texaner gehört. In der Kampnagel-Ankündigung stand was von Country, Americana, Cohen, Cash und Waits. Der Myspace-Einsteiger klang nach bestuhltem Songwriter-kuschel-und-besinne-Dich-Konzert. Und so schien es zunächst auch. Friedlich klimperte die Gitarre dahin, im stile des späten Cash sang Hinson. Doch schon bald wurde klar, dass dies kein gewöhnliches Konzert sein würde. Immer häufiger und zunehmend radikaler brachen Hinsons Band und sein Gesang die einlullende Beschaulichkeit amerikanischer Folk-Musik. Das Schlagzeug hämmerte in punkigem Vier-Viertel-Takt, die Gitarre wurde zur quietschenden E-Gitarre, Hinson thronte tief, düster und mächtig über dem Sound. Und doch war es wunderschön anzuhören. Hier wurde ein Stil nicht nur zerlegt, sondern auf kluge Weise neu zusammengesetzt. Harmonien, Rhythmen und Klang spannten sich bis ins Unerträgliche, um sich im genau richtigen Moment aufzulösen. Und wenn man dann dachte, jetzt geht es Easy-Going weiter, krachte es erst richtig. Eine im wahrsten Wortsinn spannende Entdeckung dieser Micah P. Hinson. Ein CD-Kauf ist Pflicht.

Donnerstag, 2. Oktober 2008

Heut mal die Publikumsperspektive

Das Stehen auf der Bühne macht Lust auf Theater. So besuchten die zauberhafte Schauspiel-Kollegin und ich gestern das Altonaer Theater. Dort wird zurzeit "Herr Lehmann" gespielt, auf der Grundlage des Bestsellers von Element-of-Crime-Sänger Sven Regener. Dabei ist man eng an der Vorlage geblieben. Die Zentralen Szenen kommen im Original-Wortlaut vor. Bei der wortwitzig-trockenen Vorlage ist das eine kluge Entscheidung, mit der man nichts falsch machen kann. Die Musik aus den Lautsprechern (Element of Crime, Rio Reiser) ist geschmackvoll und sehr passend. Das Bühnenbild sollte ein Zuschauer mit Augenlicht beurteilen. Die schauspielerische Leistung ist solide bis sehr gut. Nur Katrin, die schöne Köchin, bleibt blass - und so recht will man nicht verstehen, warum sich der sympathische Herr Lehmann ausgerechnet in sie verliebt. Das Stück wird noch bis zum 17. Oktober gegeben. Ich empfehle einen Besuch.

Dienstag, 30. September 2008

Wohlfühlintegration

Familie Trevor nennt unser Theater-Stück "Wohlfühlintegration". Die Beiden kritisieren, dass beim Zuschauer hängen bleibe, dass blinde und sehende Menschen in einer Beziehung nicht glücklich sein könnten. Wir vermitteln ihrer Meinung nach, dass es ein Miteinander nur auf der Arbeits- oder Leistungsebene geben könne. Sprich: blinde und sehende Menschen können zusammen ein Theaterstück spielen, sie können aber keine glückliche Liebe leben. Ich selbst habe einmal den Film "Erbsen auf halb 6" wegen dieser Botschaft kritisiert. Insofern gibt es mir schon zu denken, dass ich jetzt in einem Stück mitspiele, dessen Tenor angeblich sein soll: "Blinde, bleibt unter Euch". Daher sollte man sich einmal näher mit "Blindfische und Sehfische" befassen. In der Tat gibt es eine knbisternde Liebesgeschichte zwischen dem sehenden Schauspieler Oliver und der blinden Dunkelbar-Kellnerin Franziska. Und in der Tat scheitert diese Beziehung, aber nicht an der Behinderung Franziskas, sondern an der Untreue Olivers. Und schließlich bändelt Franziska vorsichtig mit dem anständigeren sehenden Andreas an. Die Liebe zwischen Blind und Sehend wird nicht negiert. Hätten wir die Irrungen und Wirrungen von Liebe und Leidenschaft nicht thematisieren dürfen, nur weil blinde Menschen auf der Bühne stehen? Hätten wir lieber eine kitschige Happy-End-Story auf die Bühne bringen sollen, damit man uns endlich glaubt, dass behinderte und nichtbehinderte Menschen eine glückliche Beziehung führen können? Und was ist fatal an der Botschaft, dass blinde und sehende Schauspieler mit fleißigen Proben und Engagement erfolgreich sein können? In einer Gesellschaft, in der sich viele nicht einmal vorstellen können, dass blinde Menschen in einer eigenen Wohnung leben, sich selbst etwas kochen und zur Arbeit gehen können, da ist das eine tolle Aussage. "Ihr Blinden und Sehenden seid richtig zusammengewachsen", sagte eine Besucherin nach der Aufführung vom vergangenen Freitag. Wenn diese Botschaft ankommt, ist vielleicht mehr gewonnen als mit so manch einer pädagogisch-verkopften Debatte. Was beim Zuschauer ankommt, kann ich aber letztlich nicht beurteilen. Ich bin zu sehr in den Proben und im Stück verhaftet, mir fällt es schwer von außen darauf zu blicken. Tun Sie das doch einfach selbst bei unserer Dernière am Samstag, 4. Oktober, 20.00 Uhr in der Kulturbühne Bugenhagen.

Donnerstag, 25. September 2008

Protest in Schwerin

Gestern machten sich blinde und sehbehinderte Menschen aus ganz Deutschland auf den Weg nach Schwerin. Aus Hamburg kamen rund 30 Demonstranten mit dem Bus, um ihren Unmut über die massiven Kürzungspläne beim Blindengeld kund zu tun. Sie wissen, dass ein Einschnitt in einem Bundesland die Gefahr der Abwärtsspirale bundesweit birgt. Ich zitiere eine Info aus DBSV-Direkt, dem Newsletter des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverbandes, vom Mittwoch:

der öffentliche Druck wächst: 26.794 Unterschriften hat der Blinden- und Sehbehinderten-Verein Mecklenburg-Vorpommern (BSVMV) bis heute gesammelt. Die blinden und hochgradig sehbehinderten Menschen im Nordosten der Republik sind nicht allein. Sie können auf breite Unterstützung zählen in ihrem Kampf gegen die Pläne der Landesregierung, das Landesblindengeld um rund 40 Prozent zu kürzen. Das Zwischenergebnis der groß angelegten Unterschriftenaktion verkündete heute die Vorsitzende des BSVMV Gudrun Buse auf einer öffentlichen Kundgebung in Schwerin, die anlässlich der ersten Lesung der Änderung des Landesblindengeldgesetzes stattfand.

"Hände weg vom Blindengeld": Unter diesem Motto haben sich etwa 500 Menschen versammelt und den Schweriner Schlossplatz mit ihren Mützen, Schals und T-Shirts in ein warnendes Gelb getaucht. Es war eine Demonstration, mit der die Blinden- und Sehbehindertenselbsthilfe ihre Stärke signalisiert hat. Von den Landesvereinen des DBSV waren Vertreter aus Bayern, Berlin, Bremen, Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein und Thüringen gekommen. Auch die Rednerliste machte deutlich, dass sich der BSVMV nicht nur der Solidarität des DBSV und weiterer Landesvereine sicher sein kann, sondern auch die übergeordneten Sozialverbände wie den Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband und den Sozialverband VdK Deutschland auf seiner Seite weiß.

"Das Blindengeld ist kein Almosen, gütig vom Landesvater Ringstorff seinen armen Untertanen, seinen Blinden dargebracht. Es ist ein Nachteilsausgleich", betonte Uwe Boysen, Vorsitzender des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS). Renate Reymann, Präsidentin des DBSV, warf der rot-schwarzen Landesregierung "eine Politik der sozialen Kälte" vor und warnte eindringlich davor, dass blinde Menschen durch die drastische Kürzung vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen oder sogar in die Armut getrieben werden - und das ohne finanzielle Not, denn das Land Mecklenburg-Vorpommern hat einen ausgeglichenen Haushalt und kann sogar Schulden abbauen. Vor diesem Hintergrund appellierte sie an die Mitglieder des Landtags: "Setzen Sie sich objektiv und fair mit dem Gesetzentwurf auseinander! Hinterfragen Sie die Gesetzesbegründung! Und geben Sie vor allem den Betroffenen die Gelegenheit zur persönlichen Anhörung!"

Die Stimmung in der Politik scheint zu kippen. Dies wurde auch heute früh deutlich, als die Blindengeldkämpfer die Abgeordneten vor dem Landtag mit einer leibhaftigen "Blinden Kuh" begrüßten. Wer wollte, konnte mit Brille und Langstock durch einen Dunkelgang gehen oder sich anhand einer 32-bändigen Bibel in Punktschrift davon überzeugen, wie aufwändig das Lesen für blinde und sehbehinderte Menschen ist. Bei diesen Aktionen gab es Gelegenheit zum Austausch, dem sich Ministerpräsident Harald Ringstorff entzog, den andere Politiker aber nutzten. Bemerkenswert dabei war vor allem, dass die SPD nicht mehr geschlossen hinter den Kürzungsplänen der eigenen Minister Erwin Sellering (Soziales und Gesundheit) und Sigrid Keler (Finanzen) steht. Wie Bernd Uhlig aus der AG Blindengeld im Land Mecklenburg-Vorpommern berichtete, mehren sich innerhalb der SPD-Fraktion die Stimmen derer, die die Kürzung des Landesblindengeld nicht in vollem Umfang mittragen wollen. Dies ging in den vergangenen Tagen auch aus verschiedenen Zeitungsberichten hervor.

Kein Wunder also, dass die Landtagsdebatte über das Landesblindengeld am heutigen Nachmittag erregt verlief. Nach einem Bericht der dpa verteidigte Erwin Sellering die Kürzungspläne unter Hinweis auf Vergleiche mit anderen Bundesländern. Mecklenburg-Vorpommern habe derzeit das zweithöchste Landesblindengeld bundesweit und müsse sparen, sagte er. Redner von SPD und CDU verwiesen auf die bevorstehenden Beratungen im Sozial- und Finanzausschuss, wo der Gesetzentwurf noch verändert werden kann. Die Oppositionsparteien Linke und FDP lehnten den Gesetzentwurf rundweg ab.

"Damit ist die politische Diskussion endlich eröffnet", äußerte sich Gudrun Buse im Anschluss an die Landtagssitzung. "Wir gehen fest davon aus, dass wir in den Ausschüssen angehört werden. Unsere Stimme zählt - das ist inzwischen auch in der Politik angekommen. Wir danken allen, die uns solidarisch unterstützen. Unsere Kampagne hat uns in den vergangenen Wochen enorm viel Aufmerksamkeit gebracht. So soll es auch weitergehen. Deshalb bitten wir alle, sich auch weiterhin für unsere Unterschriftenaktion einzusetzen. Denn ohne öffentlichen Druck geht es nicht in der Politik."

Hamburg würdigt Erfinder der Blindenschrift

Und noch eine gute Nachricht aus der Politik: Auf eine Anregung des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg (BSVH) hin hat die FDP-Fraktion im zuständigen Regionalausschuss beantragt, den Platz vor dem U-Bahnhof Hamburger Straße nach Braille, dem Erfinder der Blindenschrift, zu benennen. Der Platz befindet sich in unmittelbarer Nähe zum Louis-Braille-Center, dem Sitz des BSVH im Holsteinischen Kamp. Nachdem das Staatsarchiv der Namensnennung zugestimmt und auch der Regionalausschuss einstimmig für den "Louis-Braille-Platz" votiert hat, steht aus FDP-Sicht der Umbenennung nun nichts mehr im Wege. Die Zustimmung des Senats sei nur Formsache.

Am 4. Januar 2009 jährt sich Brailles Geburtstag zum 200. Mal. Der Blinden- und Sehbehindertenverein plant für diesen Tag eine feierliche Einweihung des Platzes. Ich bin stolz, dass der Louis-Braille-Platz kommt. Die Blindenschrift bedeutet bis heute Selbstständigkeit und gesellschaftliche Teilhabe für blinde Menschen. Ihr Erfinder hat diese Würdigung verdient.

Hamburg Begreifen: die Innenstadt in Bronze

Blinde und sehbehinderte Menschen begreifen Hamburgs Innenstadt. Das größte Tastmodell Deutschlands steht seit Dienstag auf dem Rathausmarkt, vor dem Bucerius-Kunstfforum. Ich bin begeistert. Wir können unsere schöne Stadt endlich mit den Händen erfassen und fühlen, wie Rathaus und Michel aussehen. Alle Gebäude sind maßstabgetreu ertastbar.

Bürgermeister Ole von Beust, der das Modell am 23. September enthüllte, zeigte sich ebenfalls erfreut: "Ich kann mir vorstellen, dass da viele Menschen lange vorstehen werden, weil man so erst erfährt, was ist groß, was ist klein, wie breit sind Straßen, wo ist Wasser. Das ist wirklich eine Tolle Sache", sagte von Beust dem Radiosender NDR 90,3. Die Herstellung des detaillierten und tonnenschweren Bronze-Modells dauerte über ein Jahr. Es ist 2,65 mal 1,60 Meter groß. Straßen und Gebäude sind mit Blinden- und Schwarzschrift gekennzeichnet.

Freitag, 19. September 2008

Ein Sommernachtstraum

Die Premiere ist geschafft! Und sie war großartig! Die Kulturbühne Bugenhagen war ausverkauft. Das dichte Stimmengewirr drang vor der Aufführung an unsere Ohren. Da sind ja wirklich Menschen, dachte ich. Die Anspannung wuchs. Mit dem ersten Auftritt legte sich ein Schalter um: Ich war einfach in der szene, spielte den blinden Theater-Regisseur René und hatte Spaß dabei. Und das Schöne war, dass auch das Publikum Spaß hatte. Die Pointen kamen an. Es wurde gelacht. Es gab Szenen-Applaus. Wir hatten etwas Gutes erschaffen. Die Erleichterung war in der Pause mit Händen zu greifen. "Jetzt nur nicht die Spannung für die zweite Hälfte verlieren." Alle Auf- und Abgänge klappten. Es gab keine größeren Pannen. Das Stück hatte einen roten Faden, einen Spannungsbogen. Szenen, deren Funktion uns bei den Proben unklar waren, kamen besonders gut an. Jörn Waßmund hatte seinen Regie-Job gut gemacht. Und nach dem Stück jubelten die Zuschauer minutenlang. Der Stress der letzten Wochen hatte sich mehr als gelohnt. Ein Glück hatte ich meine zweite Chance bekommen. Die Premierenfeier war rauschend und lang. Unser Cellist spielte uns in der Cafeteria ein kleines Zusatz-Konzert. Blinde und sehende Schauspieler saßen durcheinander, tanzten Bollywood und lachten herzhaft und gelöst. Das waren wunderschöne Augenblicke. Und es fällt mir wahrlich schwer, hierüber nicht kitschig zu schreiben. Sehr unterschiedlichen, sehr eigenwilligen Persönlichkeiten ist mit "Blindfische und Sehfische" etwas gemeinsames gelungen, das dafür steht, dass es sich lohnt, Vorurteile und Berührungsängste zu überwinden. Durch dieses Projekt habe ich die anregendsten Gespräche der letzten Jahre geführt und unbeschreiblich ungewöhnliche und sinnliche Momente erlebt und erschaffen. Das frei nach Shakespeare gestaltete Stück ist auch mein ganz persönlicher Sommernachtstraum.

Weitere Aufführungen gibt es am 19.09., 26.09., 27.09. und 04.10. in der Kulturbühne Bugenhagen, Biedermannplatz 19, Karten-Reservierungen: 040 - 639 470 41

Mit der Bahn unterwegs

Wie fahren blinde Menschen mit der Bahn? Was wünschen sie sich dabei vom Service-Personal? Diese Fragen beantwortete ich in der vergangenen Woche bei einer Mitarbeiter-Schulung der DB-AG.

Meist komme ich mit der U2 am Hauptbahnhof Nord an, um meine Reise zu starten. Vor über zehn Jahren hatte ich dort Orientierungs- und Mobilitätstraining. Ich nehme immer die selben Treppen-Aufgänge. Bin ich in der Wandelhalle angekommen, suche ich die Rillenplatten im Boden. Mein Blindenstock gleitet hin und her, bis er in meiner Hand zittert und ein ratschendes Geräusch mir sagt, dass ich das Orientierungssystem für blinde Menschen gefunden habe. Ich folge den Platten, die sich deutlich vom sonst glatten Bahnhofsboden abgrenzen. Ärgerlich ist nur, wenn die Auslegeware eines Geschäfts, ein Bistro-Tischchen oder der große Koffer eines Reisenden den Weg über den Orientierungsstreifen verwehrt. Große, quadratische Rillenplatten signalisieren eine Abzweigung hin zu den Gleisen. Zur Kontrolle gleitet meine Hand an das metallene Treppengeländer. Dort steht in Blindenschrift, welche Gleise am Ende der Treppe liegen. Auf dem Bahnsteig bin ich auf verständliche und rechtzeitige Lautsprecher-Durchsagen angewiesen. Schließlich will ich in den richtigen Zug steigen.

Steige ich in eine Regionalbahn nach Cuxhaven, weiß ich nicht, ob ich in die zweite oder in die erste Klasse steige oder gar ins Fahrrad-Abteil. Ich weiß auch nicht immer, wie die Abteile gestaltet sind, da sich die Züge von Generation zu Generation unterscheiden. Gut, dass ich meist andere Fahrgäste fragen kann. Das muss ich erstrecht, wenn ich mit dem ICE zu meinen Schulungen nach Frankfurt fahre. Dann habe ich eine Platzreservierung, aber keine Ahnung, wo der Platz im Großraumwagen ist. Steuere ich einen Bahnhof zum ersten Mal an, weiß ich nicht, wie ich zum Umsteigegleis komme oder zum Taxistand. Für solche Situationen gibt es eine servicenummer der Bahn, über die man Begleitung bestellen kann. Meine Erfahrung mit dem Personal von Bahnhofsmission oder Servicekräften der Bahnhöfe ist positiv. Und ich hoffe, dass sie für andere sehbehinderte Reisende noch positiver werden. Genau deshalb war ich in der letzten Woche bei der Mitarbeiterschulung der Bahn.

Freitag, 12. September 2008

Ein erfolgreiches Projekt

Jetzt ist es bald so weit: Am Donnerstag hat unser Stück Premiere. Die Crew wird angespannter, manche Kleinigkeit schlägt unnötig hohe Wellen, meine Nervosität steigt. Doch ganz gleich, ob am 18. alles klappt, ob die Presse positiv oder negativ schreibt, ob das Publikum in euphorischen Scharen strömt oder nicht, das Projekt ist jetzt schon erfolgreich. Nämlich immer dann, wenn die blinde Physioterapeutin die verspannte Choreografin massiert, immer dann, wenn wir Laien uns über eine gelungene Szene freuen, immer dann, wenn eine blinde Schauspielerin einem Sehenden Gesangstipps gibt, immer dann, wenn der sehende Regisseur bemerkt, dass man jede Geste in Worte fassen kann, immer dann, wenn alle in einem Lachen vergessen, wer behindert ist und wer nicht. Und wenn das schon geklappt hat, dann wird der Rest ja wohl ein Kinderspiel.

Schmutzig, erfolgreich - und trotzdem blass

"Mir macht es Riesenspaß, mich nicht nur immer und überall bräsig voll auf die dreckige Klobrille zu setzen, ich wische sie auch vor dem Hinsetzen mit meiner Muschi in einer kunstvoll geschwungenen Hüftbewegung einmal komplett im Kreis sauber. Wenn ich mit der Muschi auf der Klobrille ansetze, gibt es ein schönes schmatzendes Geräusch, und alle fremden Schamhaare, Tropfen, Flecken und Fützen jeder Farbe und Konsistenz werden von meiner Muschi aufgesogen." Klar, das kann man mal schreiben, aber muss das gleich ein Bestseller werden? Mich hat Charlotte Roches aktueller Roman enttäuscht, zumal ich sie in ihrer großen Viva-Zwei-Zeit sehr geschätzt habe und sie bis heute in Interviews immer sehr witzig fand. Gelegentlich blitzt ihr Humor auch in "Feuchtgebiete" auf, aber viel zu selten. Was bleibt ist ein krampfhaft auf den Ekelschock getrimmtes buch, ohne Handlung und Niveau. Aber was spricht es beim Publikum an, das zu Hunderttausenden "Feuchtgebiete" kauft? Bei mir reanimierte es phasenweise das Gefühl, das sich einstellte, als wir uns mit Elf die Liebe-Sex-und-Zärtlichkeit-Seiten in der Bravo vorgelesen haben. Und sicherlich ist es Roche gelungen, an eines der letzten Tabus unserer so liberalen Gesellschaft zu rühren. Und das schafft heutzutage auch nicht mal jeder. Selbstredend kann man einen Roman gegen den Hygienewahn schreiben. Natürlich ist die Flucht eines 18jährigen Scheidungskindes in Sex und Schmutz ein interessantes Thema. Charlotte Roche hat aber vielzuwenig daraus gemacht. Auch ihre ungekürzte Autorenlesung ist eher Mittelmaß. Unbetont und gequätscht kommt die Stimme aus den Lautsprechern. Naja, Ihr sei der Erfolg - so von Mensch zu Mensch - trotzdem gegönnt!

Montag, 8. September 2008

Blinde Hellseher

Mit einer Blindenschriftmaschine und dem Braille-Alphabet zum Mitnehmen ist man ein echter Blickfang. Am Freitag betreute ich einen BSVH-Infostand auf dem Altonaer Paul-Nevermann-Platz. Dort machten die Entwicklungshelfer von der Christoffel Blindenmission Halt. Sie luden den BSVH ein, und so erklärte ich in der Spätsommersonne Grundschülern die Sechs-Punkte-Schrift, schrieb Namen und Grußbotschaften in Braille auf kleine Kärtchen und traf so manch einen interessanten Hamburger: Da war die Kenianerin, die früher als Lehrerin in ihrem Land gearbeitet hatte und sich an einen sehbehinderten Schüler erinnerte, der immer Klassenbester gewesen war. Da waren die zwei fröhlichen Mädchen, die sich von mir "Stella und Fanina - Freundinnen fürs Leben" in doppelter Blindenschrift-Ausführung tippen ließen. Und da war der Freak, der meinte, dass blinde Menschen hellseherische Fähigkeiten hätten und diese mit Psychopilzen und Cannabis noch steigern könnten. So bunt ist Hamburg. blinde und sehbehinderte Menschen sind ein Teil dieser bunten Stadt. Aktionen wie die am Freitag machen dies sehenden Bürgern bewusst.

Donnerstag, 4. September 2008

Einstimmige Entscheidung

Die Bürgerschaft - Hamburgs Landesparlament - hat gestern einstimmig beschlossen, das Blindengeld rückwirkend zum 1. Juli zu erhöhen. Es wird zukünftig an die Renten-Entwicklung gekoppelt. Bisher war der Betrag eingefroren. Die Entscheidung ist positiv für die knapp 3000 blinden Hamburgerinnen und Hamburger. Die Politik hat sie zumindest nicht ganz vergessen. "Das ist zwar eine gute Nachricht, aber zu wenig", sagt Uwe Grund von der SPD. Die CDU habe das Blindengeld 2004 "dramatisch um fast ein Viertel" gekürzt. Die jetzige Anpassung werde "nicht einmal die Inflationsrate ausgleichen ", so Grund im Hamburger Abendblatt. Recht hat der Mann. Und wie die drohenden Kürzungen in Mecklenburg-Vorpommern zeigen, müssen die Blinden- und Sehbehindertenvereine in Deutschland auch zukünftig sehr wachsam und handlungsfähig sein.

Montag, 1. September 2008

Sommer in Hamburg

Durchnässt durchstoße ich heute Morgen den Regen. Es donnert kurzatmig. Ein Gewitter leutet das Sommer-Ende ein - kein Gewitter, das Schwüle Hitze vertreibt. Es sind Schläge, die eine Jahreszeit vernichten: den Sommer in Hamburg. Ich kann gar nicht genau sagen, wann er begann. Am 21. April war noch Frühling. Doch schon sehr bald waberte die Schwere durch die Stadt - eine sinnliche Schwere, geschwängert vom dampfenden Boden der Alster-Wiesen, von den wilden Beats, die aus geöffneten Auto-Fenstern hämmerten, und von Haut, die in der Sonne glühte. Die Schwere des Sommers legte sich wohlig auf unsere Seelen, sie kribbelte im Bauch. Und keiner kann sagen, wann sie begann, uns zu erdrücken. Als wir sie realisierten, war es zu spät. Da half kein Regenschauer oder Donnerschlag. Wir konnten die Schwere in keinem See mehr abstreifen. Irgendwann weiß der Hamburger, dass nur noch der Herbst helfen kann.

Freitag, 29. August 2008

Eine zweite Chance

Viel zu selten erhalten wir eine zweite Chance im Leben. Sowas gibt es nur im Theater. "Wir brauchen Dich", sagte Jörn mir am Telefon. Ein blinder Laien-Schauspieler war aus dem Projekt ausgestiegen. Seine Rolle war plötzlich unbesetzt. Und jetzt bin ich doch noch dabei und spiele den Leiter einer blinden Schauspieltruppe. Text hab ich nicht so viel. Das Komplizierteste scheinen mir die Auf- und Abgänge zu sein. Das bedarf klarer Ansagen und kluger Koordination. Schließlich müssen sieben blinde und hochgradig sehbehinderte Schauspieler ihre Einsätze und Wege finden. Da geht viel nach Geräusch - von wo kommt die Musik, die Stimmen der anderen Protagonisten - und Gefühl - wo steht in welcher Szene der Hocker, welcher Teil der Bühne wird wann bespielt? Aber bis zur Premiere am 18. September werden die Wege sitzen.

Dienstag, 26. August 2008

Es regnet Jaya the Cat

Der Herbst hielt am vergangenen Wochenende Einzug in die Hansestadt. Zwei Tage Dauerregen. Gut, dass sich diese Stadt nicht auf ihr Klima verlassen muss. Wenn man die Sommer-Abende halt nicht auf einer Decke im Stadtpark verbringen kann, dann geht man halt auf den Rathausmarkt und hört Livemusik. Am Freitag Abend waren Michi und ich beim Rockspektakel-Konzert von Jaya the Cat. Die Bostoner - mit Wahlheimat Amsterdam - machten einfach Party. Ich kannte vor dem Konzert nur den Hit Closing Time. Da war ein Konzert für lau genau das Richtige, um einmal mehr kennenzulernen. Die Mischung aus Reggae mit E-Gitarre, Psychedelic und Ska hat mich vollkommen überzeugt. Bei einem so schrecklichen Wetter ein Publikum zu rocken, das kaum einen Song kennt, das schafft nicht jeder. Sehr gut möglich, dass ich mir die Jungs im September noch einmal anschaue. Dann spielen sie im Logo. Hier kommt es auch manchmal nass von oben, dann aber, weil es so heiß ist.

Howie im Harz

Gut, der Harz hat nicht gerad den Ruf, ein hippes und junges Reiseziel zu sein. Aber vielleicht gefällt es mir deswegen dort so gut. Schon als ich aus dem Zug aussteige, begeistert mich die frische Bergluft. Es duftet nach Wald, nach feuchten Böden und klaren Winden. Ich bin in Bad Sachsa. Familie Trevor hat mich eingeladen, mit ihr vier gemeinsame Tage zu verbringen. Schön, das glückliche Ehepaar hier zu treffen, mit ihm über menschenleere, unfassbar ruhige Wanderwege zu stiefeln und den Sonnenschein zu genießen. Tante Trevors Eltern haben in der Uffe-Stadt (komisch, dass der Ort mit einem Fluss wirbt, den kein Mensch kennt) eine Ferien-Wohnung. Und die hat es in sich. Am schönsten sind die über 20 Jahre alten Kassetten, die hier - wahrscheinlich seit über 20 Jahren liegen - und darauf warten gespielt zu werden. Das Warten hat sich für sie gelohnt. Howie hat Dank der "Ein Herz für Kinder 1987"-MC seinen zehnten Frühling in Bad Sachsa - und wir drei haben bis heute einen verstörenden Ohrwurm und ein "Dadadadada - Disch" auf den Lippen, das bei unseren Mitmenschen nur ein verwundertes Lächeln hervorruft. Zwischendurch hat der Südharz aber auch ganz andere Klänge für uns parat. Der Markt der Nationen bringt uns am Samstag Nachmittag Irish Folk von der anständigen Sorte zu Gehör, dazu wird Guinness serviert. Seit meinen Irland-Reisen ist das für mich der Inbegriff von Urlaub: Folk, Pint und Frischluft. Schön, dass man das auch in Norddeutschland haben kann.

Freitag, 22. August 2008

Schwarz-Grün hält Wort

GAL und CDU halten Wort. Während des Wahlkampfes hatte sich der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg für eine Anhebung und eine Dynamisierung des Blindengeldes in der Hansestadt stark gemacht. Im Koalitionsvertrag versprachen die Parteien eine Kopplung der Leistung an die Renten. Heute gibt die Grün-Alternative Liste in einer Presse-Erklärung bekannt:

"Auf Initiative der GAL-Fraktion wurde gestern gemeinsam mit der CDU ein Antrag zur Änderung des Hamburgischen Blindengesetzes in die Bürgerschaft eingebracht. Die Änderung beinhaltet, dass  Blinde Menschen rückwirkend zum 1. Juli 2008 eine Erhöhung des Blindengeldes auf 453 Euro erhalten. Zukünftig wird zudem regelmäßig zum 1. Juli eines Jahres die Höhe des Betrages an die Rentenentwicklung angepasst.

Bei der letzten Änderung des Blindengesetzes 2005 war diese Dynamisierung gegen die Stimmen der GAL abgeschafft und das Blindengeld erheblich gekürzt worden. Fortan wurde ein einheitlicher Betrag für Kinder und Erwachsene ausbezahlt. Die Folge davon war, dass Menschen über 18 Jahre erhebliche Kürzungen hinnehmen mussten und dass Inflationsschwankungen nicht berücksichtigt wurden.

 

Martina Gregersen, Sprecherin der GAL-Bürgerschaftsfraktion für Menschen mit Behinderung: „Ich freue mich, dass nun das Blindengeld wieder leicht steigt - und dieses nun auch jährlich. Denn blinde Menschen haben einen höheren finanziellen Aufwand als Sehende. Durch das Blindengesetz von 2005 mussten sie eine starke Kürzung hinnehmen. Dass ist nun anders, denn jetzt werden jährliche Anpassungen vorgenommen."

 

Das Blindengeld dient dazu, Nachteile und Folgekosten einer Erblindung oder Sehbehinderung auszugleichen: Das können Kosten für eine Putzhilfe, Taxifahrten, Schreib- und Lesehilfen, Texte in Braille-Schrift und vieles mehr sein."

 

Mittwoch, 20. August 2008

öffentliche Täuschung?

"Public Relations sind das Differenzmanagement zwischen Fakt und Fiktion durch Kommunikation über Kommunikation in zeitlicher, sachlicher und sozialer Perspektive." Differenzmanagement zwischen Fakt und Fiktion sei dabei "eine Technik bedingt geduldeter öffentlicher Täuschung." Das sagt der Münsteraner PR-Wissenschaftler Klaus Merten - und er gießt Wasser auf die Mühlen derer, die in PR schon immer nur Lug und Trug sahen. Horst Avenarius hat bereits viel Wahres dazu gesagt. Und in so manch einem Branchen-Forum wird fundiert und aufschlussreich diskutiert. Und doch kann ich es mir nicht verkneifen, auch ein, zwei Sätze zu Mertens Thesen zu schreiben. Schließlich spiegelt Merten eine PR-Sicht wider, die - wenn auch intellektuell verbrämt - sich kaum vom Alltagsverständnis des Otto Normalverbrauchers unterscheidet. Da wird PR gern mit Werbung gleichgesetzt. Und auch für viele Unternehmer sind Public Relations nur eine kostengünstigere Variante des Marketings. "Ihr wollt doch nur Eueren Auftraggeber in die Zeitung bringen und dabei möglichst gut dastehen lassen", so das gängige Vorurteil gegen meine Zunft. Diese Kritiker vergessen, dass PR immer zwischen dem Inneren eines Auftraggebers und der Öffentlichkeit vermittelt - und das in beide Richtungen. Eine PR-Strategie, die auf Lügen baut, wird schneller entlarvt als ihr lieb sein wird. Würde ich wissentlich die Unwahrheit über das Leben der blinden und sehbehinderten Hamburger oder über den Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg verbreiten, wer würde mich danach noch um unsere Meinung bitten? Niemand. Und was wäre vereinsintern gewonnen, wenn ich als PR'ler suggerieren würde, unsere Selbsthilfe-Organisation könnte die Medien, die Politik, die Gesellschaft beschummeln? Nichts. Da halte ich es doch lieber mit dem Code de Lisbonne: "PR-Aktivitäten müssen offen durchgeführt werden. Sie müssen leicht als solche erkennbar sein, eine klare Quellenbezeichnung tragen und dürfen Dritte nicht in die Irre führen." Das scheint mir sinnvoller zu sein als bedingt geduldet die Öffentlichkeit zu täuschen.

Freitag, 15. August 2008

Eigentlich unddenkbar

Beziehungen zwischen Mann und Frau sind - sieht man es einmal realistisch - undenkbar. Und doch gibt es sie. In ihnen finden wir Erfüllung und Enge, Glück und Hass, Lust und Leid. Das alles sind Binsenweisheiten. Es gibt in der Literatur aber einige Werke, in denen diese Binsenweisheiten famos pointiert wurden. Hier kommen fünf meiner Highlights von Mann-Frau-Geschichten - schließlich hab ich Urlaub, das Wetter ist mittelmäßig, und ich hab Zeit für Literatur:

Arthur Schnitzler: Traumnovelle

Genial, abstoßend und anziehend. Schnitzler lässt uns tief in die ehelichen Abgründe des Unbewussten schauen. Und er gibt doch die Hoffnung nicht auf, dass sich dieser gemeinsame Blick für Paare am Ende lohnt.

Milan Kundera: Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Witzig, traurig, verstörend. Dass es in Liebe und Leben keine Probe gibt, sondern jede Handlung gleich eine Wirkung hat, die wir nicht mehr rückgängig machen können, ist Kunderas erschütterndes Thema.

Nick Hornby: High Fidelity

Groovy, bitter, süß. Hornby zeigt, dass es sich lohnt, sich zu streiten, sich zu versöhnen und gemeinsam erwachsen zu werden und dabei trotzdem jung zu bleiben.

Thomas Mann: Luischen

Widerlich, gnadenlos, mahnend. So grausam und erniedrigend kann eine einseitige Liebe enden - lasst Euch das eine Mann'sche Warnung sein.

Tschingis Aitmatow: Dshamilja

Romantisch, menschlich, politisch. Wirklich eine der schönsten Liebes-Geschichten der Welt. Aitmatow zeigt, dass die Liebe zwischen Mann und Frau bestehen kann - gegen die größten Widrigkeiten des Lebens.

Ich freu mich auf Ihre Lieblings-Mann-Frau-Geschichten als Kommentar.

Im Zentrum wird es grau

Kennen Sie Makula-Degeneration? Wenn ja, dann haben Sie vielleicht einen Verwandten mit dieser Netzhauterkrankung, oder Sie gehören zu dem Viertel der Über-60-Jährigen, die von ihr betroffen sind, oder Sie haben jüngst in eine TV-Sendung gezappt, die sich mit dem Thema AMD befasst hat, oder Sie sind über Aufklärungsanzeigen in Ihrer Tageszeitung gestolpert. AMD, altersbedingte Makula-Degeneration, ist der häufigste Grund für sehbehinderung in Deutschland. Im Alter lässt hierbei das Scharf-Sehen nach - im Zentrum wird es grau. Die Blinden- und Sehbehindertenvereine in Deutschland machen zunehmend auf die Situation der AMD-Patienten aufmerksam. Besonders machten sie sich im vergangenen Jahr für eine optimale medizinische Versorgung stark. Der Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg bietet für Betroffene Alltagsberatung und Hilfsmittel an. In Gesprächskreisen treffen sich AMD-Patienten im Louis-Braille-Center und tauschen sich über ihre Erfahrungen beim Arzt aus und machen sich gegenseitig Mut - oft erkennen sie erst hier, dass das Leben auch mit nachlassendem Sehen noch erfüllt sein kann. Wie bei vielen Krankheiten gilt auch bei AMD, dass Früherkennung Gold wert ist. Ein Zusammenschluss aus Patienten, Ärzten, Politik und Industrie hat nun eine Kampagne gestartet. Dazu schreibt der Newsletter DBSV-Direkt (Ausg. 35 vom 11.08.):

"Über 60? Sorgen Sie gut für Ihr Augenlicht!" Mit dieser Aufforderung werden heute in Zeitungen und Zeitschriften die ersten Anzeigen einer Früherkennungskampagne zur Altersbedingten Makula-Degeneration (AMD) veröffentlicht, an der sich auch der DBSV beteiligt. Das Anzeigenmotiv - eine ältere Dame mit ihrem Enkel - ist im Zentrum durch einen großen grauen Fleck gestört. Genau das ist der Seheindruck von Menschen, die an AMD in fortgeschrittenem Stadium leiden.

AMD ist in entwickelten Ländern die Hauptursache für Erblindung und schwere Sehbehinderung im Alter. In krassem Gegensatz zu den teilweise schwerwiegenden Folgen steht das allgemeine Unwissen, was Risikofaktoren und erste Warnhinweise angeht. Diese Erkenntnis hat zu einem in Deutschland fast einzigartigen Schulterschluss von sechs hochrangigen Partnern aus der Patientenselbsthilfe, der Politik, der Ärzteschaft sowie der Gesundheitsindustrie geführt. Der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband, Pro Retina Deutschland, das Bayerische Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen, der Berufsverband der Augenärzte Deutschlands, die Retinologische Gesellschaft und Novartis Pharma starten eine auf mehrere Monate angelegte AMD-Kampagne unter dem Motto: "Bewahren Sie Ihr Augenlicht". Mit Anzeigen und regionalen Aktivitäten soll deutschlandweit über Risikofaktoren, Symptome, Warnhinweise und Diagnosemöglichkeiten bei AMD informiert werden.

Renate Reymann, Präsidentin des DBSV, erklärt: "Wir engagieren uns für 'Bewahren Sie Ihr Augenlicht', weil es nicht hingenommen werden kann, dass Menschen unnötig erblinden. Parallel möchten wir den Gedanken einer ganzheitlichen Beratung in der Initiative verankert wissen, denn erstens können auch modernste Therapien nicht allen Betroffenen helfen und zweitens dürfen selbstverständlich diejenigen Menschen nicht vergessen werden, bei denen bereits eine irreversible Sehschädigung eingetreten ist."

Offizieller Kampagnenauftakt ist ein Pressegespräch am 27. August 2008, bei dem die Kooperationspartner umfassend über ihre gemeinsame Aktion informieren werden.

Sonntag, 10. August 2008

Nochmal der weise Thomas

Aber um den jungen Avantageur mit den zu langen Augenlidern könntest Du Dich ein bisschen kümmern, der neben Dir sitzt und seine Einsamkeit gern mit Deiner zusammentäte. Warum verschmähst Du ihn? Warum verachtest Du ihn? Weil er von Deiner eigenen Welt ist und nicht von der anderen, wo Frohmut und Stolz herrscht, Glück, Rhythmus und Siegersinn? Freilich, es ist schwer, in einer Welt nicht heimisch zu sein und nicht in der anderen, - wir wissen es! Aber es gibt keine Versöhnung ...

(...)

Denn ein Glück, ein kleiner Schauer und Rausch von Glück berührt das Herz, wenn jene zwei Welten, zwischen denen die Sehnsucht hin und wider irrt, sich in einer kurzen, trügerischen Annäherung zusammenfinden.

Thomas Mann: Ein Glück

Der Weißwurst-König

Der Sonntag nach der Hochzeit gehörte der Weißwurst. Zum letzten Mal hatten wir die Chance, Schlachtermeister Böckes Spezialität zu genießen. Mit ihr hat er Preise in Hülle und Fülle abgeräumt. Er hat seine Bayerischen Konkurrenten dabei regelmäßig abgehängt. Böckes Weißwurst ist eine Wucht. 1500 Stück verkauft er wöchentlich. Und er trug so manches Mal zu einem zünftigen Frühstück bei, das ganz im Sinne der bayerisch-hanseatischen Völkerverständigung stand. Mit siebzig Jahren geht der Meister in den Ruhestand. Zum Glück hat er sein Rezept an seinen Nachfolger weitergegeben, so dass unsereins sich auch weiter auf die beste Weißwurst Deutschlands freuen kann - schon gut, wenn man in Hamburg lebt.

Sie sind ein Paar

Wenn eine der aufmerksamsten Blind-PR-Leserinnen und einer meiner ältesten Freunde sich vor Gott das Ja-Wort geben, dann sollte das einen Blog-Eintrag wahrlich wert sein. Das Schöne am Bloggen ist, dass man immer top-aktuell und umgehend seine Erlebnisse und Gedanken niederschreiben kann. Das beweise ich einmal mehr mit diesem Post. Schließlich war die Hochzeit erst am 2. August.;-)

Tante und Onkel Trevor sind jetzt ein echtes Ehepaar - mit Ja-Wort im Standesamt und vor der Pastorin. Sie versprachen sich die ewige Treue in einem Garten unter freiem Himmel. Ein schöner Ort: wenn es ein Gotteshaus gibt, dann duftet es gewiss nach Blumen und grüner Wiese, dann scheint in diesem die Sonne und es zwitschern die Vögel. Die wehmütig-sentimental-zerrüttete Grundstimmung des Autors paarte sich mit der Romantik der Hochzeit zu einem Kloß im Hals und zu feuchten Augen. Aber es ist zugleich ein aufbauendes Ritual, so eine Hochzeit. Sehr persönliche und anrührende Fürbitten gingen ans Herz, das Ehe-Versprechen der Trevors bewegte, "Danke für meine Arbeitsstelle" zu singen, sorgte für ein humorvolles Gegengewicht auf der Studenten-Hochzeit. Spätestens mit dem fulminanten Buffet war der Kloß im Hals hinfortgemampft, und ich erfreute mich den restlichen Abend an fröhlich-stolzer Verwandtschaft, an einer Musik-Mischung, die wirklich alle Generationen auf die Tanzfläche brachte (das schafft nicht jeder DJ - Plattenmann Jens lebe hoch!) und an meinem grandiosen Freundeskreis. Gerade wenn es mal nicht so rund läuft, merke ich, was ich an ihm habe. Schön, dass es Euch alle gibt! Und den Trevors wünsche ich, dass sie ihre Versprechen einhalten, und dass sie sich verzeihen, wenn es einer von ihnen mal nicht schafft! Ihr seid super!!!