Freitag, 30. Januar 2009

Schweigsamer Mitfahrer

Mit meinem Schwerbehindertenausweis kann ich im Zug eine Begleitperson mitnehmen. Daher inseriere ich gern mal bei Mitfahrgelegenheit.de und suche mir dort Mitfahrer. Im Normalfall hatten die Leute vorher noch keinen Kontakt mit blinden Menschen. Daher ist es immer spannend, wie sie sich verhalten. Es schwankt zwischen großer Freundlichkeit und Offenheit bei den meisten und schüchterne Unsicherheit bei den Anderen. Die Beschreibung "Schüchterne Unsicherheit" ist für meinen heutigen Reisebegleiter auf der Strecke Frankfurt-Hamburg noch arg untertrieben. Kein Wort, keine Frage, nichts. Das ist schon extrem ungewöhnlich. Das nehme ich zum Anlass, einmal darüber nachzudenken, was mir wichtig erscheint im Umgang zwischen Blind und Sehend.

Unsicherheit ist normal. Fragen sind es auch: "wie orientierst Du Dich?" "Wodurch bist Du erblindet?" "Wie träumst Du?" "Wünschst Du Dir, wieder sehen zu können?" "Kannst Du am Computer arbeiten?" und viele mehr. Ich beantworte diese Fragen gern. "Du musst wahrscheinlich auf jeder Zugfahrt dieselben Dinge erzählen", hat mal eine besonders interessierte Mitfahrerin gesagt.

Es stimmt, dass sich einige Fragen häufiger wiederholen. Aber was soll's. Immerhin kenne ich mich in dem Themengebiet gut aus. Und - diese Erfahrung machte ich in der Uni ebenso wie im Beruf - nur wenn die Unsicherheiten und das Unwissen aufgebrochen werden, kann Normalität im positiven Wortsinn überhaupt entstehen. Als ich während meiner Unizeit in Referatsgruppen auftauchte, machte sich zunächst Ratlosigkeit breit. In Schweigen oder in zaghaften, auf political Correctness bedachten Bemerkungen hörte ich das "Wie will der denn bei uns mitarbeiten" heraus. Die Spannung wurde immer geringer, je mehr ich erzählte, dass mein PC sprechen könne, dass ich mir Texte für das Referat einscannen und synthetisch vorlesen oder auf Kassette sprechen lassen könne. Und dann kamen auch Fragen, mutiger und neugieriger, nach meinem privaten Umgang mit der Behinderung. Und danach? Danach waren wir einfach nur eine Referatsgruppe mit ganz unterschiedlichen Leuten: nervösen und coolen, hässlichen Entlein und Fotomodels, Besserwissern und Nachdenklichen, Sehenden und Blinden.

Daher mein Plädoyer - vielleicht etwas pathetisch, aber was soll's: Fragen Sie, sprechen Sie mit behinderten Nachbarn, Kollegen, Zugpassagieren. Wenn die Betroffenen gerade keine Lust auf Fragen-Beantworten haben, dann sagen diese Ihnen das schon. Wie bei allem gilt im Umgang zwischen blinden und sehenden Menschen - und vielleicht gerade da -, dass wir nur im Dialog Gemeinsamkeiten entdecken und unsere Ängste verlieren können. Amen.

Montag, 26. Januar 2009

Blind im Medien-Job

Blinde Menschen in Medien-Berufen. Zu diesem Thema hat mich in der vergangenen Woche eine Journalistik-Studentin der Uni Hamburg interviewt. Für eine Recherche-Übung porträtiert Laura Schneider einen blinden Studenten der Medienwissenschaft. Als PR'ler und als Medien-Konsument wünsch ich mir, dass Journalisten immer soviel Freiheit und Zeit für die Artikel-Recherche hätten wie der Berufsnachwuchs an den Unis. Laura Schneider war perfekt auf das sehr spezielle Thema vorbereitet, hatte diverse Vorabmails an die Experten geschickt und war sehr interessiert. Auf mich war sie durch meine Mitarbeit im Leitungsteam der Fachgruppe Medien des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS) aufmerksam geworden.

Einige von Schneiders Fragen und meine Antworten dazu:

1. Wieviele blinde Menschen studieren bzw. arbeiten in den Medien in Deutschland?

 

Hierzu gibt es kein belastbares Zahlenmaterial. In der Fachgruppe Medien des DVBS sind rund 100 blinde und sehbehinderte Medienschaffende zusammengeschlossen. Das Spektrum reicht von wissenschaftlichen Dokumentaren, über Rundfunk-Journalisten bis zu PR-Profis. Einige arbeiten hauptberuflich in diesen Bereichen, andere machen z. b. eine ehrenamtliche Radiosendung im Offenen Kanal oder im Internet. Insgesamt dürfte die Zahl aber gering sein. Das liegt daran, dass die meisten blinden Menschen erst im Alter ihr Augenlicht verloren haben und die Chancen sehbehinderter Menschen in den Medien - wie in allen Berufszweigen - sehr schlecht sind. Schätzungen zufolge sind überhaupt nur knapp 30 Prozent der Blinden im berufsfähigen Alter in einem regulären Arbeitsverhältnis.

2. Bieten alle Universitäten Deutschlands, wo man "etwas mit Medien" studieren kann, das Studium auch für Blinde an?

Wenn man es als Blinder geschafft hat, an einer Förderschule oder integriert an einer Regelschule sein Abitur zu machen, dann kann man in Deutschland formal alles studieren. Härtefall-Regelungen setzen dabei sogar den Numerus Clausus außer Kraft. Speziell für Blinde wird kein studiengang angeboten. Überhaupt ist die Begleitung der behinderten Studenten von Uni zu Uni sehr unterschiedlich. An der einen Hochschule gibt es ein spezielles Förderzentrum, an anderen Bibliotheksräume mit blindengerechten PC's, an anderen Unis nichts dergleichen. In der Praxis gibt es aber Studiengänge, die besser geeignet sind als andere. So ist sicherlich ein Studium mit dem Schwerpunkt visuelle Medien eher suboptimal, während viele blinde Menschen gerade beim Radio-Journalismus ihre sehenden Kommilitonen in die Tasche stecken könnten.

 

3. Gibt es häufig Beschwerden von Blinden bezüglich der Schwierigkeit, an Bildung oder Arbeit zu gelangen? Wie schätzen Sie die vom Staat zur Verfügung gestellten Möglichkeiten ein?

 

Immer wieder gibt es Probleme. Fachliteratur gibt es nicht in Brailleschrift. Wissenschaftliche Texte müssen aufwändig eingescannt oder aufgelesen werden. Wenn sehbehinderte Studies dann an einen nichtkooperativen oder planlosen Professor geraten, haben sie einen für die Seminarstunde relevanten Text nicht rechtzeitig lesen können. Oder das ergänzende Folienmaterial wird nicht zur nachträglichen Bearbeitung freigegeben. Das sind aber Ausnahmen. Von den rechtlichen Rahmen-Bedingungen und vom Alltag an den meisten Unis her kann man als blinder Mensch in Deutschland erfolgreich studieren. Die Probleme beginnen meist erst bei der Jobsuche und im Berufsleben. Infolge der Hartz-Reformen wurde die Arbeitsplatzvermittlung auch für behinderte Menschen weitgehend regionalisiert. Überforderte Agentur-Mitarbeiter sollen plötzlich blinde Akademiker in einen Medienjob bringen und scheitern dabei immer wieder. Hier muss dringend eine bundesweite, zentrale und kompetente Jobvermittlung für behinderte Studierte her. Vorurteile, Unwissenheit und Ängste bei vielen Arbeitgebern machen es uns enorm schwer, überhaupt zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden. Dabei gibt es die Möglichkeit, bis zu 70% der Lohnkosten vom Staat tragen zu lassen. Hilfsmittel-Ausstattungen - wie Braillezeilen und sprechende PC's - werden ebenfalls von der Arbeitsagentur übernommen. Problematischer ist da schon, dass in vielen Unternehmen regelmäßig neue Software installiert wird, neue Datenbanken erstellt werden usw. Und das häufig, ohne zu überprüfen, ob die blindenspezifischen Hilfsmittel damit funktionieren.

4. Kennen Sie bestimmte Arbeitgeber im Medienbereich, die ihre betrieblichen Strukturen so anpassen, dass blinde Menschen beschäftigt werden können?

Das Vorzeigeunternehmen schlechthin gibt es nicht. Was man sicher sagen kann, ist, dass es eher noch die öffentlichrechtlichen Anstalten sind, die sich an die Behindertenquote von fünf prozent halten. Ich selbst kenne wissenschaftliche Dokumentare, die in Rundfunkarchiven arbeiten oder blinde Nachrichtensprecher. Auch in der schreibenden Zunft gibt es den einen oder anderen blinden Journalisten. Ich kann nur jedem Unternehmer empfehlen, sich an einen Blinden- und Sehbehindertenverein wie dem BSVH zu wenden, wenn Fragen rund um die Integration von Mitarbeitern auftauchen.

5. Wo sehen sie Vor- bzw. Nachteile von blinden Menschen im Medienbereich (Studium und Beruf)?

Die Nachteile liegen vor allem im alltäglichen Umgang, in unausgesprochenen Vorurteilen und Berührungsängsten auf beiden Seiten. Das ist kein Spezifikum der Medienbranche, sondern ein grundsätzliches gesellschaftliches Problem. Die Nachteilsausgleiche, die blinde Menschen an Unis eingeräumt werden (verlängerte Abgabefristen für Abschlussarbeiten, mehr Zeit für Klausuren usw.) sind keine Vorteile, sondern nötige Nachteilsausgleiche. Journalistische Arbeit bedeutet Zuhören, Verstehen, Nachfragen. Viele blinde Menschen sind Profis darin, Infos und Zwischentöne aus dem gesprochenen Wort herauszufiltern. Sie sind gewiss ebenbürtige Journalisten. Und - wie gesagt - Radio ist das Leitmedium für viele blinde Menschen. Nicht selten sind Amateur-Shows blinder Journalisten mit einer höheren Professionalität produziert als manch eine Massenware der sehenden Radioprofis. Da stimmt oft jeder Anschluss, Musik und gesprochenes Wort harmonieren, Jingles werden rhythmisch perfekt eingesetzt. Leider sind das Fähigkeiten, die immer weniger in den hochcomputerisierten Radiostudios benötigt werden.

Freitag, 23. Januar 2009

Kurze Vergnügen

Twitter ist inzwischen überall. Das Gezwitscher ist mainstream: die Tagesschau berichtet, die Grünen schicken gerade Updates von ihrem Parteitag in Dortmund, Spiegel-Online verbreitet seine Nachrichten über den Micro-Blogging-Dienst, NDR's N-Joy kommuniziert mit den Hörern u.v.m. Herzstück ist und bleibt aber der Mensch hinter den Kurznachrichten, die sich Tweets nennen, seine Interessen, Infos und sein Humor oder Wortwitz. Gerade letzterer stand am gestrigen Abend im Mittelpunkt der Twitterlesung in der Hamburger Botschaft im Schanzenviertel.

Das Twitkrit-Team, das in seinem Blog regelmäßig bemerkenswerte Twitterer rezensiert, las Gefühlsausbrüche, Gedanken über Politik, büroalltag und das Leben, jeweils geballt in maximal 140 Zeichen. Beispiele: "Wenn die deutschen Autohersteller ans Ende ihrer Fließbänder Schrottpressen montieren, wären sie dank Abwrackprämien ihre Absatzsorgen los." "Ich teile jetzt erstmal meine Wohnung in Gegenstands-Aufenthaltsorts-Quadranten ein." "Sitze auf der Parkbank. Mühsam nähert sich das Eichhörnchen." usw. Pointiert und klug, stumpf und zynisch, alles gab's. Eine tolle Idee, so eine Twitterlesung. An der Dynamik der Performance könnte vielleicht noch gefeilt werden, aber sonst hoffe ich, dass bald wieder in der Hansestadt live on Stage gezwitschert wird.

Den einzigen wirklichen Wermutstropfen gab es beim Offlinetweet-Wettbewerb-Contest. Auf Kärtchen durften sich Twitterer und Nichttwitterer spontan an der 140er-Form versuchen. Die bezaubernde Liebste des Blind-PR'lers schaffte es zurecht unter die Top 4 - "in dem Moment, in dem ich mein Herzblut spenden wollte, war niemand da, der es brauchte" -, kam ins Stechen um Platz Eins und verlor knapp im Applaus-Votum gegen einen Stuhlgang-Tweet - man kann nicht alles haben.

Meine Twitter-Updates finden Sie übrigens hier.

Montag, 19. Januar 2009

Weimar begreifen

Das Internet vergisst wirklich nicht - und das hat auch seine schönen Seiten. Zuvällig stolperte ich jüngst über einen Text von mir, den ich vor über drei Jahren für die sZ-Beilage Jetzt.de geschrieben hatte. Er berichtet von einer schönen Erinnerung und schafft es somit auch in dieses Blog:

Weimar begreifen

www.jetzt.de, 17.10.2005

Ein Weimar-Wochenende aus der Sicht eines Blinden: Heiko Kunert, Gewinner des Anna-Amalia-Schreibwettbewerbs, erlebt die spannungsreiche Goethe-Stadt mit Händen, Ohren und Nase.

Die Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar klingt groß. In ihr ist es warm. Sie riecht wie ein Neubau - wie ein Neubau mit staubigen Büchern. Und das ist sie ja auch: Nachdem das Renaissance-Gebäude im September 2004 durch ein Feuer verwüstet wurde, dem Tausende wertvoller Bücher zum Opfer fielen, wird es zurzeit restauriert.

"Allianz-Kulturstiftung" und "Süddeutsche Zeitung" - die Initiatoren des Schreibwettbewerbs - haben hierher eingeladen. Wir Bestplatzierten tragen unsere Geschichten vor. Sie handeln vom realen Buch aus Papier, von Büchereien als Orten menschlicher Begegnung. Wie konnten diese Texte einen Onlinewettbewerb gewinnen? Der Schriftsteller Tobias Hülswitt überreicht die Preise: Ipods. Wie passen diese an einen Ort, in dem Mozart-Handschriften archiviert sind?

Ruhe und Gelehrsamkeit in der Bibliothek prallen heute auf den Zwiebelmarkt. 350.000 Besucher werden an diesem Wochenende in Weimars Altstadt feiern. Deutschsprachige Country-Kracher der 80er Jahre werden auf einer Festbühne lustlos, aber laut intoniert. Volksfeste sind halt so, aber zu Goethe und Klassik wollen sie nicht passen.

Wir - Jury und Preisträger - flüchten in den Park des Schlosses Belvedere. Hier riecht es nicht nach Bratwurst, Zwiebelkuchen und gebrannten Mandeln. Hier riecht es nach den letzten Blüten des Jahres, nach Herbstsonne auf kühler Erde. Im Schlosspark erklingen weder Truckstop, noch Schunkeljazz. Hier zwitschern Vögel, Violinentöne schweben aus dem "Musikgymnasium Schloss Belvedere". Hier wird nicht Nippes angepriesen, hier plaudert Helmut Seemann - Präsident der Stiftung Weimarer Klassik und Kunstsammlungen - über die Marotten Herzog Carl Augusts und die botanischen Forschungen Goethes, als sei er ein Zeitzeuge. Mir ist klar: Wo, wenn nicht hier, sollten die Ideen der Klassik entstanden sein? Wo, wenn nicht hier, sollten Genie und Macht, Kunst und Politik eine harmonische Einheit eingegangen sein? Wo, wenn nicht in dieser Parkanlage und im Schloss Belvedere?

Heute repräsentieren nicht mehr Schlösser die Macht, sondern Rathäuser. Das Rathaus von Jena, in das wir am Abend fahren, riecht wie eine Aula, die Stühle sind so bequem wie in der Schule. Es gibt barocke Musik. Und schon ist sie wieder da, nach den ersten Cembalo-Takten: die Vergangenheit: Ich denke an Grimmelshausen, Gottesfurcht und 30jährigen Krieg; nicht an meinen ersten Platz im Schreibwettbewerb und nicht an das verheerende Erdbeben in Pakistan.

Auch im Goethehaus, in dem der Faust-Schreiber knapp 50 Lebensjahre verbrachte, scheint es keine Gegenwart zu geben, obwohl Kopfhörer und ein Film Hintergründe liefern und "die Wahlverwandtschaften" im Souvenirshop auf DVD verkauft werden. In den schlichten und engen Kammern beeindrucken historische Athene-Büsten, der verzierte Steinofen, der Schreibtisch des Meisters: Ich erhalte die Erlaubnis, die Ausstellungsstücke anfassen zu dürfen, ein sinnliches Privileg blinder Besucher. Ich begreife im Goethehaus Geschichte.

In meinem Weimar schwingt der Geist der Klassik neben dem Geist einer ganz gewöhnlichen ostdeutschen Kleinstadt. In ihm erahne ich, zu welch Höhenflügen der menschliche Geist fähig ist. Mein Weimar duftet nach endlosen Bücherreihen und riecht nach Massentourismus. Es umspielt mich mit alten Wahrheiten und neuen Fragen. Mein Weimar klingt nach Goethe-Gedichten aus weißen Kopfhörern.

Gefunden unter http://www.allianz-kulturstiftung.de/presse/archiv_presseinformationen/herzogin_anna_amalia_bibliothek/weimar_beg reifen/weimar_begreifen.html

Donnerstag, 15. Januar 2009

Hoffen und Bangen

Während es aus Niedersachsen Nachrichten gibt, die blinde Menschen hoffen lassen, müssen die Betroffenen in Mecklenburg-Vorpommern weiter bangen. Aus Hannover heißt es, dass die Regierung eine Blindengeld-Erhöhung erwäge, so stand es zuletzt in der Nordwestzeitung. Das Land zahlt zurzeit mit 220 Euro das niedrigste Blindengeld der Republik. Die Schweriner Regierung möchte hingegen scheinbar weiter den entgegengesetzten Weg gehen und die Leistung von 546 auf 333 Euro senken. Im Sozialausschuss fand hierzu gestern eine Experten-Anhörung statt. Zu dieser schreibt DBSV-Direkt folgendes:

im Sozialausschuss des Landtags Mecklenburg-Vorpommern fand heute die öffentliche Anhörung über den Gesetzentwurf zur Kürzung des Landesblindengeldes statt. Renate Reymann, Präsidentin des DBSV, war als Zuhörerin dabei und sagte in einer ersten Stellungnahme: "Das war eine starke Vorstellung, die die Sachverständigen heute abgeliefert haben. Die Landesregierung wurde ganz deutlich in ihre Schranken gewiesen."

Als Vertreter des Blinden- und Sehbehinderten-Vereins Mecklenburg-Vorpommern (BSVMV), des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS) und des Vereins der Blindenwohlfahrt Neukloster sprachen Gudrun Buse, Uwe Boysen und Werner Sill vor dem Ausschuss. Sie hoben zum wiederholten Mal hervor, dass das Blindengeld unverzichtbar ist, um behinderungsbedingte Mehraufwendungen zu finanzieren und damit gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen. Außerdem wurde deutlich darauf hingewiesen, dass durch die Kürzung des Landesblindengeldes mit einer steigenden Zahl von Anträgen auf Blindenhilfe zu rechnen sei, was die angestrebten Einsparungen weitgehend zunichte machen dürfte.

Dass der vorliegende Gesetzentwurf eine sauber recherchierte Analyse der Lebenssituation blinder und sehbehinderter Menschen vermissen lässt, beklagte Dr. Martin Scriba von der Evangelischen Landeskirche Mecklenburg-Vorpommern, der sich gegen eine Kürzung des Landesblindengeldes aussprach. Genauso klar ist die Haltung des Integrationsförderrats und der LAG Selbsthilfe. Auf Nachfragen stellte sich heraus, dass auch die Mehrheit der im DPWV zusammengeschlossenen Verbände für die unveränderte Beibehaltung des Landesblindengelds ist.

"Wir hoffen sehr, dass der Sozialausschuss den Gesetzentwurf zurückweisen wird", erklärte Renate Reymann. "Das wäre ein deutliches Signal dafür, dass blinde und sehbehinderte Menschen in diesem Land ernst genommen werden."

Sonntag, 11. Januar 2009

Wie soll sein Schnitt?

Friseur-Besuche können doch sehr ernüchternd sein. Ich meine nicht den entstandenen Haarschnitt, sondern dass ich dort einmal mehr mit dem Bild konfrontiert wurde, das ein nicht unerheblicher Teil der Gesellschaft von blinden Menschen hat. Eigentlich habe ich bei "Gute Köpfe" meist positive Erfahrungen gemacht: die MitarbeiterInnen boten mir ihren Arm an, begleiteten mich durch den wuseligen, mit hipper Musik beschallten Laden und plauderten ein Wenig mit mir. Mit den Frisuren war ich auch immer zufrieden. Aber letzten Freitag - wie schon auf Twitter verkündet - war es bizarr. Als ich auf dem Stuhl Platz genommen hatte, legte mir die Friseurin den Umhang um und ging schnurstracks zu meiner Freundin.

"Wie soll sein Schnitt?", fragte sie Anna.

"Fragen Sie ihn", antwortete diese.

Verwirrt und etwas unsicher kam die Gute-Köpfe-Dame zu mir. "Ich dachte, Du wärst blind."

"Das bin ich auch", antwortete ich, "trotzdem kannst Du mich fragen."

Nachdem ich ihr beschrieben hatte, was ich wollte, sagte sie kein Wort mehr. Bis sie mich fragte, ob ich einmal anfassen möchte, ob es so okay sei. "Geht doch", dachte ich.

Unsicherheit im Umgang mit behinderten Menschen ist ganz normal. Ich selbst bin zum beispiel oft nervös, wenn ich mit geistigbehinderten Menschen spreche. Aber sollte es nicht selbstverständlich sein, dass wir dann fragen stellen, undzwar dem betroffenen und nicht seiner Begleitung. Ich war beim Friseur und wollte einen neuen Haarschnitt. Da werde ich doch wohl auch wissen, was ich möchte. Zumal man Haarschnitte ja nun wirklich fühlen kann. Stattdessen werden behinderte Menschen viel zu häufig nicht auf einer Augenhöhe betrachtet.

Gerade in Deutschland sehen viele Menschen in uns hilflose, hilfebedürftige und unselbstständige Wesen. Ich erlebe es immer wieder: in der U-Bahn, bei Ärzten und in Geschäften. Ich möchte nicht wie ein Kind behandelt werden. Das ist doch wohl das Mindeste, was behinderte Menschen sich wünschen dürfen. Für die Selbsthilfe-Organisationen - wie dem Blinden- und Sehbehindertenverein Hamburg - gibt es da noch viel an Öffentlichkeitsarbeit zu tun, um das Behinderten-Bild in Deutschland Stück für Stück zu modernisieren. Und auch jeder Einzelne ist gefordert, den Mund aufzumachen, auch wenn es Kraft kostet. Denn in der Regel ist es kein böser Wille, der hinter dem verhalten der nichtbehinderten Mitbürger steht. Es ist einfach Unwissenheit. Und die muss weg!

Schön, dass es meistens aber anders ist. Beim Curry-Grindel fragte mich der Chef nach meinem Friseur-besuch: "Haben Sie großen Hunger?" Ich sagte ja. "Na, Sie sehen ja jetzt nicht, was ich hier tue", sagte er lachend und schaufelte mir dabei einen gewaltigen Pommes-Berg auf den Teller. Ich lachte mit ihm.

Donnerstag, 8. Januar 2009

Kurzweilige Langeweile

Die Buddenbrooks sind ein deutscher Mythos. Thomas Manns Familiensaga ist ja auch wirklich ein Meisterwerk. Die Verfilmung von Heinrich Breloer ist aber reichlich unspektakulär. Gelecktes und kitschiges Prunkkino, ohne Gefühl und Humor. Das kann man doch mit dem grandiosen Ironiker Mann nicht machen. Selbst der Geck und erste Ehemann von Tochter Toni, Grünlich, ist nicht witzig gespielt. Statt mit einem Schmunzeln auf die Komik in der Tragik zu blicken, dominiert betonte Ernsthaftigkeit. Untermalt wird das Stelldichein der deutschen Filmprominenz - Armin Müller-Stahl, Jessica Schwarz, August Diehl u. A. - mit beinah durchgehender Filmmusik - und selbst die ist langweilig. Das Einzige, was gelingt, ist, dass die Zeitlosigkeit des Stoffes deutlich wird: Angst vor wirtschaftlichem Abschwung, finanziellem Verlust und unerfüllte Liebe sind bis und gerade heute aktuell. John von Düffels Theater-Adaption der Buddenbrooks machte dies allerdings auch deutlich, undzwar mit sehr viel mehr Witz. Von Düffel gelang es sogar, den Mann'schen Stoff neu zu beleuchten. Davon ist bei Breloer kaum etwas zu merken, denn vor lauter Kitsch und schönen Menschen ist an Reflektieren kaum zu denken. Die zweieinhalb Stunden sind dennoch schnell herum, denn der Film ist durch und durch professionell produziert - aber leider nur das.

Montag, 5. Januar 2009

Ein Auftakt nach Maß

Das Jubiläumsjahr hat begonnen. Am 4. Januar feierten blinde und sehbehinderte Menschen weltweit den 200. Geburtstag Louis Brailles. Die rund 3000 blinden und über 40.000 sehbehinderten Hamburgerinnen und Hamburger hatten noch einen Grund zum Feiern: der BSVH wurde gestern 100 Jahre alt. Diese zwei Gründe zum Feiern haben wir erfolgreich gewürdigt. Um 15.00 weihte Kultursenatorin von Welck den Louis-braille-Platz ein. Über 100 Menschen besuchten trotz Regen und Kälte den vorplatz der U-Bahn Hamburger Straße. Neben Frau von Welck würdigten der französische Konsul Tutin und der zweite Vorsitzende des BSVH Kißler die Leistung Brailles.

Im benachbarten Louis-Braille-Center, dem Dienstleistungszentrum des BSVH, feierten 350 Menschen das Vereinsjubiläum. Das kabarettistische Urgestein Hans Scheibner trat dort ebenso auf wie der Sänger Jochen Wiegandt, dessen plattdeutsche und hanseatische Volkslieder und Geschichten überraschend zeitlos daher kommen. Die Mitarbeiter und Helfer können stolz sein. Eine infrastrukturelle Meisterleistung ist geglückt. Der Partyservice Giffey verstand es großartig, unsere blinden und sehbehinderten Besucher zu bedienen - unaufdringlich und effektiv. Ein echter Hingucker war die Riesentorte, auf der in Blinden- und Schwarzschrift stand: "200 Jahre Louis Braille - 100 Jahre BSVH) und auf der leckere Hände die Punktschrift lasen. Das fand auch das Hamburg-Journal, das die Torte in der sonntagsausgabe zeigte.

Überhaupt war das Medien-Echo erfreulich: Welt, Abendblatt, Mopo, Kobinet und die TAZ berichteten (letztere sogar zweifach). Die ausführlichste Information bot NDR 90,3 mit einer Live-Schaltung, mit Kurzberichten in den Nachrichten und einer lebendigen Reportage am Montagmorgen. Ich danke allen Journalistinnen und Journalisten für die Zusammenarbeit.

Donnerstag, 1. Januar 2009

Ein gutes Ende

Zwischen Weihnachtsgans und Süßigkeiten-Bergen einerseits und dem arbeitsreichen Start ins Jubiläumsjahr 2009 andererseits wollte ich nochmal raus. Ab ging es nach Berlin und Brandenburg: Theater, Hauptstadttrubel und Frischluft standen an.

Die bezaubernde Anna und ich schauten uns die Möwe von Anton Tschechow in der Volksbühne an. Ich kannte das Stück nicht, mein Fable für russische Autoren ließ mich aber optimistisch in die Vorstellung gehen. Und in der Tat verflogen die drei Stunden im Flug. Unglückliche Liebe, ländliche Tristesse und künstlerische Misserfolge ergeben bei Tschechow ein erstaunlich buntes, humorvolles und tiefgründiges Gemisch. Die Inszenierung war sehr schlicht, kaum Musik, eine kleine Bühne. Die Schauspieler standen eindeutig im Zentrum. Und sie spielten sehr emotional. Vielleicht würde manch ein Kritiker sagen zu emotional, mit zuwenig Zwischentönen. Nichtsdestotrotz hat sich die Reise schon für den Theaterabend gelohnt.

Am Dienstag zogen wir durch die trubelige Hauptstadt, in der es scheinbar keine Berliner gibt: Sachsen, Dänen, Holländer und vor Allem Spanier waren überall, aber Berliner... Unter Anderem gingen wir in die Kuppel der neuen Synagoge in Mitte. Es machte mich wütend und traurig, als ich dort von der Geschichte des Hauses und seiner Gemeinde hörte. Die Verwüstungen in der Pogromnacht 1938, das Herausreißen der Torarollen aus den Schreinen, das Unterdrücken der jüdischen Religion und Kultur. Und es ist ein Triumph der Zivilisation, dass die Synagoge 1988 wieder aufgebaut wurde und sich wieder ein Wahrzeichen von Berlin nennen kann. Aber wie fragil dieser Triumph der Zivilisation ist, zeigen die Sicherheitskontrollen am Eingang. Metalldetektoren und Kontrollen wie am Flughafen zeigen, dass Judentum auch heute kein ganz normaler Teil unserer Gesellschaft ist.

Sonnenschein satt begleitete uns von Montag bis Mittwoch. Ein Silvestermorgen in der Nähe von Königs Wusterhausen war ein winterlich-romantischer Ausklang für den Kurztrip. Klare Luft, Wald und ein See. Zart zwitscherten die daheim gebliebenen Vögel in den kahlen Baumkronen. In der Ferne knallte gelegentlich ein Feuerwerkskörper. An meiner Seite ein so wundervolle Mensch. 2008 endete großartig, ein Ende, das Kraft und Mut gibt für ein spannendes, kreatives und inspirierendes 2009! Selbiges wünsche ich auch allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs!