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Freitag, 19. Juni 2009

Selbsthilfe 2.0

„Wie sind Sie auf uns aufmerksam geworden?“ Diese Frage stellen wir den neuen Mitgliedern des Blinden- und Sehbehindertenvereins. Häufig lautet die Antwort: „Über das Internet.“ Meist haben Angehörige online nach Hilfe-Angeboten gesucht, die der Großmutter mit Diabetes oder dem Vater mit grünem Star das Leben erleichtern. Bei Google wird nach Lupen, nach Informationen über Augen-Erkrankungen oder Beratungsangeboten gesucht. Die gemeinnützigen und unabhängigen Selbsthilfe-Organisationen sollten daher anstreben, im Suchmaschinen-Ranking vor kommerziellen Anbietern aufzutauchen. Der wichtigste Schlüssel hierzu ist informativer Content.

Meinen kompletten Artikel zur Selbsthilfe 2.0 finden Sie bei den Blogp iloten.

Dienstag, 19. Mai 2009

Blind = Arbeitslos

Blind bedeutet arbeitslos - zumindest meistens. Von den rund 150.000 blinden Menschen in Deutschland sind lediglich 15.000 in einem regulären Arbeitsverhältnis. Von denjenigen im berufsfähigen Alter sind das gerade knapp 30 prozent. Hiervon wiederum kommen die allerwenigsten in der freien Wirtschaft unter. Stattdessen arbeiten 90 prozent von ihnen in Verwaltungen oder gemeinnützigen Organisationen.

Es ist sehr ernüchternd als Blinder auf Jobsuche zu sein. In der Regel trifft man bei den Arbeitsagenturen auf überforderte und ratlose Berater. Freimütig sagte mir ein Jobvermittler, dass heutzutage blinde Menschen nach einem Eingliederungspraktikum kaum noch in ein reguläres Arbeitsverhältnis übernommen würden. Und wenn, dann würden sich die Arbeitgeber die ersten Beschäftigungsjahre von der Agentur subventionieren lassen. Sprich: die Agentur übernimmt bis zu 70 prozent der Lohnkosten. Nach zwei Jahren der Förderung säßen viele Betroffene dann wieder auf der Straße.

Dennoch ist die finanzielle Förderung vom Staat ein wichtiges Mittel, um überhaupt noch Arbeit für Behinderte zu ermöglichen. Denn immerhin ist der Lohnzuschuss an eine tarifliche Bezahlung gekoppelt. Davon träumen viele blinde Menschen. Ihr Alltag sind befristete Ein-Euro-Jobs, sinnlose Bewerbungstrainings und die frustrierende Dauersuche.

Die Oberhessische Presse schildert in ihrer heutigen Ausgabe zwei typische Fälle. Da ist zum einen der 21jährige Marco, der in diesem Jahr sein Fachabi in Marburg macht: "Wird er zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, scheut er keine Kosten und Mühen. „Ich will schließlich unbedingt einen Ausbildungsplatz haben“, betont er. So steige er in die Bahn und fahre quer durch Deutschland, wenn es sein müsse.Gebracht hat es ihm bisher nichts. „Die Deutsche Bank, die Sparkasse, die Hypo Vereinsbank und die Spardabank haben mir abgesagt, teilweise sogar ohne weitere Begründung“, sagt er empört. Von der Commerzbank, an die er nach seinem Praktikum eine Bewerbung schickte, habe er nichts mehr gehört. „Dabei kann ich genauso arbeiten wie ein Sehender“, ist er sich sicher."

Und dann ist da Katharina, 36 und promovierte Germanistin. Sie sagte der Oberhessischen Presse: "„Seit drei Jahren suche ich nach einer Festanstellung." Im vergangenen Jahr habe sie rund 120 Bewerbungen geschrieben – ohne Erfolg. "Da kommt man irgendwann nicht umhin zu glauben, dass das an der Behinderung liegt".

Blindheit bedeutet nicht selten soziale Isolation. Kommt dann noch Arbeitslosigkeit mit all ihren Begleiterscheinungen dazu, ist das für den Einzelnen entmutigend und für die deutsche Gesellschaft ein Armutszeugnis.

Montag, 26. Januar 2009

Blind im Medien-Job

Blinde Menschen in Medien-Berufen. Zu diesem Thema hat mich in der vergangenen Woche eine Journalistik-Studentin der Uni Hamburg interviewt. Für eine Recherche-Übung porträtiert Laura Schneider einen blinden Studenten der Medienwissenschaft. Als PR'ler und als Medien-Konsument wünsch ich mir, dass Journalisten immer soviel Freiheit und Zeit für die Artikel-Recherche hätten wie der Berufsnachwuchs an den Unis. Laura Schneider war perfekt auf das sehr spezielle Thema vorbereitet, hatte diverse Vorabmails an die Experten geschickt und war sehr interessiert. Auf mich war sie durch meine Mitarbeit im Leitungsteam der Fachgruppe Medien des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS) aufmerksam geworden.

Einige von Schneiders Fragen und meine Antworten dazu:

1. Wieviele blinde Menschen studieren bzw. arbeiten in den Medien in Deutschland?

 

Hierzu gibt es kein belastbares Zahlenmaterial. In der Fachgruppe Medien des DVBS sind rund 100 blinde und sehbehinderte Medienschaffende zusammengeschlossen. Das Spektrum reicht von wissenschaftlichen Dokumentaren, über Rundfunk-Journalisten bis zu PR-Profis. Einige arbeiten hauptberuflich in diesen Bereichen, andere machen z. b. eine ehrenamtliche Radiosendung im Offenen Kanal oder im Internet. Insgesamt dürfte die Zahl aber gering sein. Das liegt daran, dass die meisten blinden Menschen erst im Alter ihr Augenlicht verloren haben und die Chancen sehbehinderter Menschen in den Medien - wie in allen Berufszweigen - sehr schlecht sind. Schätzungen zufolge sind überhaupt nur knapp 30 Prozent der Blinden im berufsfähigen Alter in einem regulären Arbeitsverhältnis.

2. Bieten alle Universitäten Deutschlands, wo man "etwas mit Medien" studieren kann, das Studium auch für Blinde an?

Wenn man es als Blinder geschafft hat, an einer Förderschule oder integriert an einer Regelschule sein Abitur zu machen, dann kann man in Deutschland formal alles studieren. Härtefall-Regelungen setzen dabei sogar den Numerus Clausus außer Kraft. Speziell für Blinde wird kein studiengang angeboten. Überhaupt ist die Begleitung der behinderten Studenten von Uni zu Uni sehr unterschiedlich. An der einen Hochschule gibt es ein spezielles Förderzentrum, an anderen Bibliotheksräume mit blindengerechten PC's, an anderen Unis nichts dergleichen. In der Praxis gibt es aber Studiengänge, die besser geeignet sind als andere. So ist sicherlich ein Studium mit dem Schwerpunkt visuelle Medien eher suboptimal, während viele blinde Menschen gerade beim Radio-Journalismus ihre sehenden Kommilitonen in die Tasche stecken könnten.

 

3. Gibt es häufig Beschwerden von Blinden bezüglich der Schwierigkeit, an Bildung oder Arbeit zu gelangen? Wie schätzen Sie die vom Staat zur Verfügung gestellten Möglichkeiten ein?

 

Immer wieder gibt es Probleme. Fachliteratur gibt es nicht in Brailleschrift. Wissenschaftliche Texte müssen aufwändig eingescannt oder aufgelesen werden. Wenn sehbehinderte Studies dann an einen nichtkooperativen oder planlosen Professor geraten, haben sie einen für die Seminarstunde relevanten Text nicht rechtzeitig lesen können. Oder das ergänzende Folienmaterial wird nicht zur nachträglichen Bearbeitung freigegeben. Das sind aber Ausnahmen. Von den rechtlichen Rahmen-Bedingungen und vom Alltag an den meisten Unis her kann man als blinder Mensch in Deutschland erfolgreich studieren. Die Probleme beginnen meist erst bei der Jobsuche und im Berufsleben. Infolge der Hartz-Reformen wurde die Arbeitsplatzvermittlung auch für behinderte Menschen weitgehend regionalisiert. Überforderte Agentur-Mitarbeiter sollen plötzlich blinde Akademiker in einen Medienjob bringen und scheitern dabei immer wieder. Hier muss dringend eine bundesweite, zentrale und kompetente Jobvermittlung für behinderte Studierte her. Vorurteile, Unwissenheit und Ängste bei vielen Arbeitgebern machen es uns enorm schwer, überhaupt zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden. Dabei gibt es die Möglichkeit, bis zu 70% der Lohnkosten vom Staat tragen zu lassen. Hilfsmittel-Ausstattungen - wie Braillezeilen und sprechende PC's - werden ebenfalls von der Arbeitsagentur übernommen. Problematischer ist da schon, dass in vielen Unternehmen regelmäßig neue Software installiert wird, neue Datenbanken erstellt werden usw. Und das häufig, ohne zu überprüfen, ob die blindenspezifischen Hilfsmittel damit funktionieren.

4. Kennen Sie bestimmte Arbeitgeber im Medienbereich, die ihre betrieblichen Strukturen so anpassen, dass blinde Menschen beschäftigt werden können?

Das Vorzeigeunternehmen schlechthin gibt es nicht. Was man sicher sagen kann, ist, dass es eher noch die öffentlichrechtlichen Anstalten sind, die sich an die Behindertenquote von fünf prozent halten. Ich selbst kenne wissenschaftliche Dokumentare, die in Rundfunkarchiven arbeiten oder blinde Nachrichtensprecher. Auch in der schreibenden Zunft gibt es den einen oder anderen blinden Journalisten. Ich kann nur jedem Unternehmer empfehlen, sich an einen Blinden- und Sehbehindertenverein wie dem BSVH zu wenden, wenn Fragen rund um die Integration von Mitarbeitern auftauchen.

5. Wo sehen sie Vor- bzw. Nachteile von blinden Menschen im Medienbereich (Studium und Beruf)?

Die Nachteile liegen vor allem im alltäglichen Umgang, in unausgesprochenen Vorurteilen und Berührungsängsten auf beiden Seiten. Das ist kein Spezifikum der Medienbranche, sondern ein grundsätzliches gesellschaftliches Problem. Die Nachteilsausgleiche, die blinde Menschen an Unis eingeräumt werden (verlängerte Abgabefristen für Abschlussarbeiten, mehr Zeit für Klausuren usw.) sind keine Vorteile, sondern nötige Nachteilsausgleiche. Journalistische Arbeit bedeutet Zuhören, Verstehen, Nachfragen. Viele blinde Menschen sind Profis darin, Infos und Zwischentöne aus dem gesprochenen Wort herauszufiltern. Sie sind gewiss ebenbürtige Journalisten. Und - wie gesagt - Radio ist das Leitmedium für viele blinde Menschen. Nicht selten sind Amateur-Shows blinder Journalisten mit einer höheren Professionalität produziert als manch eine Massenware der sehenden Radioprofis. Da stimmt oft jeder Anschluss, Musik und gesprochenes Wort harmonieren, Jingles werden rhythmisch perfekt eingesetzt. Leider sind das Fähigkeiten, die immer weniger in den hochcomputerisierten Radiostudios benötigt werden.